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Folge 12: Leistung, Leidenschaft und Lust an der Debatte

Nena Brockhaus über Karriere, Leistung, Debattenkultur und ihre Kritik an Staat, Steuern und Bürokratie

Transkript:

Nena Brockhaus: Ich bin damit aufgewachsen und vor allem in meiner Journalistenschule sozialisiert worden, Kritik ist Liebe. Sobald ich anfange, einen Menschen zu kritisieren und mich mit ihm auseinanderzusetzen, nehme ich ja sogar Disharmonie in Kauf. Das heißt, nur wenn du jemanden liebst oder freundschaftlich sehr magst, nimmst du es doch überhaupt auf dich. Und deswegen ist Kritik Liebe. Stattdessen tun wir aber alle so, als dürfte man einander nicht mehr kritisieren.

Frank Thomé: Willkommen zu Deep Dive Wirtschaft, Trends, Technologien und Transformation im Saarland. Mein Name ist Frank Thomé und ich bin der Hauptgeschäftsführer der IHK des Saarlandes. Ja, auch heute habe ich wieder einen ganz besonderen Gast in meinem Podcast. Nena Brockhaus ist ganz vieles. Journalistin, Moderatorin, Unternehmerin, Autorin mehrerer Bestsellerbücher und bei all dem eine der markantesten publizistischen Stimmen ihrer Generation. Was mich persönlich an Nena Brockhaus besonders fasziniert, ist diese seltene Verbindung aus Haltung, Leidenschaft und Überzeugungskraft. Denn damit steht sie für eine Öffentlichkeit, die sich nicht im Ungefähren verliert, sondern klar Position bezieht. Und ich finde, genau das ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Ich freue mich sehr darauf, heute mit ihr zu sprechen. Herzlich willkommen, Nena Brockhaus zum Deep Dive Wirtschaft.

Nena Brockhaus: Ja, herzlichen Dank. Schön, dass du da bist. Hallo.

Frank Thomé: Nena, wenn man sich deinen Weg mal anschaut, das ist schon eine bemerkenswert bunte Vita. Ich habe gelesen, sogar mal in der Beratung gestartet, namhafte Stationen, Handelsblatt, Bunte, Bild, aktuell Welt-Gruppe, dazu Bücher, Fernsehen, Debattenformate. Das klingt mal wie so eine Karriere auf dem Reißbrett. Hast du deinen Werdegang von Anfang an strategisch geplant?

Nena Brockhaus: Genau, bei der Welt-Gruppe bin ich ja gar nicht, sondern ich bin auch hier selbstständige Moderatorin. Also ich bin ja seit drei Jahren selbstständig und habe da verschiedene Kunden. Ich habe meine Karriere schon geplant und dann auch mit sehr viel Disziplin, würde ich sagen, verfolgt und auch mit sehr viel Arbeitseinsatz. Also ich habe definitiv in meinen Zwanzigern weniger gechillt als andere. Und ich wollte immer eine eigene Polit-Talkshow haben und ich wollte immer Buchautorin werden und das wusste ich schon als Kind und ich denke, dass das eigentlich das größte Gut ist, wenn man weiß, was man will, muss man nur das tun, um da hinzukommen. Ganz viele Menschen und ich bekomme jetzt bald, also ich weiß noch gar nicht, ob es mein Patenkind wird, aber für mich wird das so oder so wie meine Nichte, ja. Und ich habe jetzt für dieses kleine Mädchen gestern so einen Brief geschrieben, weil wir bei der Babyshower alle so einen Brief übergeben an sie. Und ich habe ihr geschrieben, dass ich glaube, dass das Wichtigste für ihr Leben ist, dass sie ihre Leidenschaft erkennt, weil dann sind auch 60 Stunden im Leben ein Spaziergang, also in der Woche, im Leben ja sowieso, aber wenn sie 60 Stunden die Woche arbeitet und danach immer noch glücklich ist und das für sie wie ein Spaziergang ist, dann hat sie glaube ich das größte Gut gefunden und das würde ich nicht nur meiner zukünftigen Nichte dann so gesehen raten, sondern allen jungen Menschen, dass sie das Leistungsglück leben, dass sie das Leistungsglück lieben und dass sie ihrer Leidenschaft folgen können. Und die Leidenschaft kann übrigens sein, Bäckerin zu werden und Filialen zu haben. Die Leidenschaft kann sein, mein Vater zum Beispiel war Dreher aus Leidenschaft und dann Feinwerkmechanikermeister. Ich bin Journalistin aus Leidenschaft. Aber ich glaube, dass sich Arbeit nicht mehr wie Arbeit anfühlt. Und dann kann man auch viele Stationen machen oder auch Bücher schreiben. Ich habe teilweise zwei pro Jahr veröffentlicht und hatte noch eine Talkshow. Aber das hat sich alles wie ein Spaziergang angefühlt, wofür ich sehr, sehr dankbar bin, dass ich diese Leidenschaft machen darf.

Frank Thomé: Also wir kommen auf jeden Fall noch auf das Thema Leistung und auch auf junge Menschen zurück. Aber jetzt mal bei dir persönlich, wann war dir eigentlich klar, du hattest gerade eben gesagt als Kind, dass du mal was mit Medien, mit Öffentlichkeit machen möchtest?

Nena Brockhaus: Ich habe schon in das Freundinbuch meiner Freundin geschrieben mit sieben in der Grundschule, dass ich Journalistin werden will. Schrägstrich Moderatorin hat beides sehr gut geklappt. Und ich habe mit zehn Jahren schon allen erzählt, dass ich ins Fernsehen will. Und dann war ich beim Casting damals für Sat.1. Und da wurde ein Mädchen gesucht, was mehr redet als Verona Feldbusch, hieß sie damals noch. Das Casting war dann nach mir beendet.

Frank Thomé: Die hat relativ viel geredet damals.

Nena Brockhaus: Und ich auch. Und dann haben sie mich damals gecastet und ich weiß noch, meine Mutter erzählt das bis heute, dass als ich dann da saß neben Verona und sie war 2003 ja der Megastar in Deutschland. Und dann kamen die ganzen Paparazzis und die haben Bilder gemacht, weil es war so ein Presscall. Und dann saß ich da neben Verona und hab posiert und meine Mutter wollte eigentlich ihre zehnjährige Tochter nur runterreißen, weil sie glaubte, das kann nicht gut sein für die Psyche. Und ich wusste gar nicht, warum Menschen zu mir gesagt haben, ob ich jetzt aufgeregt bin. Ich habe es direkt genossen und ich hatte schon mit zehn Jahren dieses Gefühl, hier gehöre ich hin und ich bin ja auch nie aufgeregt. Das hört sich arrogant an, das ist aber die Wahrheit und ich würde diesen Job ja gar nicht machen, wenn ich aufgeregt wäre, dann wäre es ja ein schrecklicher Job, aber ich bin vor keiner meiner Sendungen aufgeregt. Ich werde jetzt im Juni, ich hatte da eben den Call zu, in der Lanxess Arena vor 16.000 Menschen auftreten, das macht mich auch nicht nervös, und deswegen passt der Job gut zu mir, weil wenn man aufgeregt ist, sollte man diesen Job lieber nicht machen, oder wenn man dann danach noch ganz viel Stress empfindet ich schaue mir auch meine Sendungen nur aus Probezwecken mit einem Trainer an, aber ich setze mich jetzt nicht abends vor den Fernseher und gucke mir meine eigene Sendung an, weil ich nervös bin und mich auf Fehler untersuche ich habe Trainer, ich habe Coaches, aber ich selber, glaube ich, ich glaube es ist auch ein positiver oder auch negativer Charakterzug, ich kritisiere und kontrolliere mich weniger als andere Menschen.

Frank Thomé: Du hast ja eine sehr große thematische Breite, aber stehst du ja im Grunde für Wirtschaft, für Politik oder Innenpolitik, wie du immer auch betonst. Hast du dich damals, hattest du auch mal andere Themen auf dem Zettel oder war auch das dir immer klar?

Nena Brockhaus: Bei mir war auch immer Politik und Wirtschaft klar. Also dann vor allem Politik. Ich meine, als Zwölfjähriger interessiert man sich jetzt nicht so sehr für die Wirtschaft, aber für die Politik. Ich habe schon mit 13 Jahren lieber mit den Jungs über Politik debattiert bis in die frühen Morgenstunden als mit den Mädchen über Schminke. Und das kann ich vielleicht auch verraten, das ist heute manchmal furchtbar für mich, weil mein Sohn ist ja jetzt drei. Und es passiert bei so Elterntreffen immer so, dass ich bei den Frauen abgestellt werde, die dann nur über die Kinder reden und dann höre ich immer, ich zwinge mich immer zuzuhören und höre dann, wie die Männer über Wirtschaft reden, über Karriere reden und so weiter und ich denke mir so, oh nee und ich darf mir jetzt wieder zwei Stunden anhören, was das Kind kann und das Kind kann. Und ich glaube, ich bin und ich sehe sehr weiblich aus, ich bin auch nicht trans, aber ich glaube, ich bin karrieremäßig und vom Mindset her und von meinen Interessen her eher männlich. Also auch dieses Politik, dieses große Wirtschaftsinteresse. Ich war auch in der Schule immer eher mit den Jungs, würde ich sagen, als mit den Mädchen. Ab 16 dann auch anderweitig beschäftigt mit den Jungs, aber auch vorher schon immer eher mit den Jungs am Debattieren. Über mich wird auch oft von Männern gesagt, dass ich zu stark sei und zu laut und zu forsch. Ich glaube, das war bei uns einfach so. Meine Schwester ist auch eine starke Persönlichkeit. Ich glaube, wir wurden stark erzogen beide.

Frank Thomé: Wenn man dich so erlebt in Interviews, in deinen Büchern oder auch in deinem Fernsehformat, ich finde man merkt sofort, du hast eine klare Haltung. Du vertrittst auch eine fundierte Meinung, bist da sehr reflektiert und vor allem, du weichst nicht aus. Also dieses Herumeiern, das wir nur allzu häufig erleben in der Politik, manchmal aber auch in den Medien, das machst du so gar nicht. Gleichzeitig hörst du anderen zu und hältst auch abweichende Meinungen aus. Sollte eigentlich normal sein in der Debattenkultur, scheint aber heute nicht mehr zu sein. Mein Eindruck ist, dass die eigentlich immer stärker abnimmt. Wie nimmst du so die Debattenkultur in Deutschland gerade wahr?

Nena Brockhaus: Das große Problem ist, dass sich weniger als 50 Prozent der Deutschen noch trauen, ihre politische Meinung zu sagen. Und selbstverständlich haben wir, das finde ich auch immer ganz wichtig zu sagen, die gesetzliche Meinungsfreiheit ist da in unserem Land. Hier kommt keiner in den Gulag oder muss irgendwelche Repressalien erleben von der Seite der Politik, aber die subjektive Meinungsfreiheit ist weg. Und das war vor allem in der Corona-Pandemie, Corona war wie ein Brennglas und hat gezeigt, Menschen trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu sagen. Ich muss hier aber immer sagen, wenn ich in Artikeln oder Interviews als Heldin der freien Meinung gefeiert werde: Ich bin stolz auf mich, dass ich so sehr dafür eintrete, die andere Meinung zu zeigen und da bin ich glaube ich auch krasser als andere Journalisten unterwegs. Also eine Sendung, in der ich die Linkeste bin und vier Leute einfach nur sagen, wie doof Deutschland ist und wie scheiße die SPD ist, ist für mich eine schlechte Sendung. Ich möchte den Widerspruch haben. Ich hatte heute den Spitzenkandidaten der SPD da, Herrn Krach. Es war eine super spannende Sendung.

Wo ich aber nicht als Heldin gerne für gefeiert werde, ist für diesen Mut zur Meinung, weil ich kann mir den auch leisten. Weil das Studium meines Sohnes wird nicht von meiner Arbeitskraft abhängen. Und ich finde, das muss man immer dazu sagen. Ich weiß nicht, ob ich in der Corona-Pandemie so mutig gewesen wäre, wenn ich alleinerziehende Mutter gewesen wäre, die ganz genau weiß, ihr Gehalt, von ihrem Gehalt hängt die ganze Familie ab. Das heißt, und das ist eigentlich schlimm, aber ich denke schon, dass man sich im Jahr 2026 Meinung und Mut leisten können muss. Und Menschen, die schlechter finanziell aufgestellt sind, haben auch teilweise Angst um ihre Jobs. Ich meine, ich merke das, wenn ich nach Vorträgen zur Seite genommen werde und irgendwer heimlich sagt, ich will übrigens die AfD, Frau Brockhaus, sagen Sie es bitte nicht meinem Arbeitgeber. Genauso wurde ich zur Seite genommen während der Corona-Pandemie, wo mir Menschen gesagt haben, ich bin übrigens ungeimpft, Frau Brockhaus. Sie stört es ja nicht, die anderen wollen ja nicht mehr, dass ich sie schminke, deswegen sagen sie es keinem. Und ich habe diese Menschen verstanden, die da als Maskenbildnerinnen gearbeitet haben und das Geld auch brauchten und das ist, glaube ich, der ganz große Punkt, in unserer Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass nur noch die Menschen sich trauen, ihre Meinung zu sagen, die vielleicht finanziell nicht so sehr abhängig sind von ihrem Job wie andere.

Frank Thomé: Also ich finde das schon erschreckend, spielst du auch so ein bisschen auf diese Allensbach-Umfrage an, dass sich da viele gar nicht mehr trauen, ihre politische Meinung auch offen zu sagen. Jetzt hattest du ja eben gesagt, klar, ist gesetzlich verankert, ist aber nicht nur ein gesetzlicher und politischer Begriff, sondern auch ein kultureller Wert. Wie können wir da eigentlich wieder hinkommen, dass wir diesen Wert wieder stärker leben und was können auch Formate wie deine Meinungsfreiheit, das ist ja auch der Titel deines Formats, mit dem du glaube ich dreimal die Woche an den Start gehst. Was kann ein solches Format leisten, was vielleicht klassische politische Talkshows oft nicht mehr leisten können?

Nena Brockhaus: Also erstmal finde ich, gibt es auch ganz großartige klassische Polit-Talk-Shows, zum Beispiel, ich bin ja auch öfter zu Gast bei Sandra Maischberger schon gewesen, ich kenne die Redaktion, ich schätze den Redaktionsleiter Jakob unfassbar, ich finde, die Redaktion probiert wirklich jede Meinung einzuladen und dementsprechend so den kompletten Hass auf die Öffentlich-Rechtlichen teile ich gar nicht so sehr. Aber was macht meine Sendung anders? Meine Sendung bestimmt nicht das Thema vorher, sondern jeder darf sein eigenes Thema mitbringen. Und das macht diese Sendung zu einem einzigartigen Debattenraum im deutschen Fernsehen. Also morgens schicken die Gäste uns ihre These und wir sagen auch nicht, du darfst sie nicht bringen. Zum Beispiel, ich hatte Mary Abdelaziz Dizu zu Gast, die hat zehn Minuten eigentlich gesagt, wie schlimm Springer ist. Springer ist der Verlag, wo meine Sendung läuft, Welt TV. Und wie falsch wir bei Israel gelegen hätten. Ich denke, dass man das nirgendwo anders im deutschen Fernsehen sieht. Dass jemand auch speziell einen Gast einlädt, der eigentlich nur sagt, wie schlecht die eigene Arbeit ist. Aber da müssen wir hinkommen. Mary ist eine Kollegin, die ich unglaublich schätze. Wir liegen bei Außenpolitik selten auf einer Meinung, eigentlich nie. Aber es ist wichtig, dass ihre Meinung gehört wird und das macht Meinungsfreiheit. Wir laden Meinungen ein. Ich lade auch AfD-Politiker ein. Ich lade alle ein. Ich würde auch Herrn Höcke einladen. Und ich finde, dieser Debattenraum, den wir bieten, ist einfach besonders. Und was uns auch besonders macht, wir gehen damit eigentlich einen Kampf ein, weil ich möchte, dass jüngere Menschen sich wieder 40 Minuten Debatte anhören, dass sie am Ende wissen, was hat Steffen Krach gesagt zu dem Thema und was hat Nena Brockhaus gesagt zu dem Thema, dass sie merken, sie können sich ihre eigene Meinung bilden. Wir sind ja gefangen in Echokammern. Diese Reels, ja, natürlich teasern wir damit meine Sendung an, aber ich sage immer, man soll sich die Sendung anschauen, weil wenn man 40 Minuten zuschaut, wie Argumente ausgetauscht werden, wird man klüger. Wenn man immer nur wie eine Echokammer immer nur die eigene Meinung bestätigt bekommt, wird man dümmer. Deswegen rate ich auch dazu, mal eine ordentliche Print Tageszeitung zu kaufen.

Frank Thomé: Also großer Respekt, dass du dieses Format auch so lebst. Das merkt man ja mit jeder Faser. Du strahlst das aus. In den Social Media verstärken ja auch Algorithmen im Grunde diese Echokammer, in der ich mich gerade so befinde. Und da erlebe ich auch, dass bestimmte Debatten ja öffentlich gar nicht geführt werden. Und die, die geführt werden, das merke ich auch in meinen eigenen Gesprächsrunden, zunehmend, dass jeder sich selbst sozusagen ausspeichert mit dem, was er sagen möchte, aber auch davon ausgeht, dass der andere sofort auf die eigene Linie einschwenkt. Und wenn das eben nicht so ist, werden Gespräche auch schnell mal abrupt, unfreundlich und enden. Da ist es in meiner Wahrnehmung schon so, dass es vielen gar nicht mehr um das Ringen, um das beste Argument geht. Und das finde ich wirklich sehr schade. Wie kommen wir denn da mal wieder zu einer echten Diskussionskultur zurück?

Nena Brockhaus: Indem wir selber auch mit Menschen reden, die uns vielleicht auch erstmal beleidigen. Also ich zum Beispiel beantworte jeden Leserbrief. Ja, die meisten sind glücklicherweise nett, aber es gibt natürlich auch negative. Es gibt keinen Leserbrief, den ich seit Start nicht selbst beantwortet habe. Ich habe teilweise nach einer Sendung 280 Leserbriefe. Ich saß auch schon mal bis zwei Uhr nachts dran. Oder auch auf LinkedIn. Ich habe letztens einen Kommentar geschrieben, dass ich dafür bin, dass das Elterngeld gekürzt wird und dass ich dafür bin, dass Menschen, die beispielsweise 100.000 Euro als Paar verdienen, kein Elterngeld bekommen. Ich selbst habe auch kein Elterngeld bekommen. Ich finde, wir sollten einfach die Steuern massiv runterfahren und dafür dürfen die Menschen aber selbst entscheiden, wann und wie sie es ausgeben. Und da habe ich einfach einen Kommentar dazu geschrieben, dass ich dafür bin, dass Menschen, die Kinder haben, Steuern runter haben oder auch Menschen, die keine Kinder haben. Also alle Steuern runter und dann kann man beispielsweise einen höheren Kinderfreibetrag machen. Aber dieses Elterngeld ist einfach in meinen Augen wirklich Schwachsinn, weil der Staat so tut, als wäre der Weihnachtsmann, obwohl es unser eigenes Geld ist. Und er soll einfach mehr netto vom Brutto lassen und zwar jedem in unserem Land. Das heißt, es war eine sachliche Debatte. Das Wort Schwachsinn habe ich da auch nicht benutzt. Ich habe mich sehr gewählt ausgedrückt. Und dann waren Kommentare darunter wie, ich würde nur Bio-Deutsche in diesem Land wollen. Also A, was Bio-Deutsche mit dem Elterngeld zu tun haben, habe ich noch nicht verstanden. Und B, verstehe ich auch nicht, warum man das so angreifen muss. Dann wurde drunter geschrieben, ich könnte das nur sagen, weil ich reiche Erbin sei. Da hat jemand schlecht recherchiert. Mein Vater war Feinwerkmechanikermeister, war dann sehr erfolgreich. Aber reiche Erbin würde ich mich nicht bezeichnen. Was ich auf jeden Fall sagen will dabei ist, ich habe trotzdem auf all diese Kommentare geantwortet. Und meistens, wenn man denen dann sachlich antwortet und sagt, lass uns beim Thema bleiben, antworten die auch höflicher zurück. Also ich glaube, dass wir die Debattenkultur nur stärken, wenn wir wirklich vor allem mit denen in Austausch gehen, die uns richtig doof finden oder die nicht unsere Meinung haben. Zum Beispiel, ich bin auch dafür, dass man, wenn man mit der AfD redet, auch mit den Linken redet. Sind die Linken mir nah? Nein. Ist die AfD mir nah? Nein. Trotzdem verweigere ich mich, mich öffentlich von der AfD zu distanzieren. Warum sollte ich das tun? Ich habe mich noch nie für die positioniert. Und ich glaube, da muss jeder bei sich selbst anfangen. Ich hatte letztens eine Moderationsanfrage, da wurde meiner Agentur gesagt, ich soll vorher eine E-Mail schreiben, dass ich mich von der AfD distanziere, habe ich natürlich nicht gemacht. Also ich glaube, wir müssen alle probieren, dass wir die Meinungsfreiheit wieder mehr leben, auch wenn es mal zu unserem Nachteil ist.

Frank Thomé: Da höre ich bei dir immer wieder auch raus, dass das Thema Leistung auch von einer grundlegenden Bedeutung ist, das Leistungsprinzip und in diesem Zusammenhang, du hast es eben auch einmal erwähnt, sprichst du von Leistungsglück. Was genau meinst du damit?

Nena Brockhaus: Das Problem ist ja heutzutage, dass die Politik es geschafft hat, Leistung als etwas Negatives zu konnotieren. Ich meine, selbst ich denke mir, wenn Friedrich Merz da wieder seine Parolen raushaut von wegen, die Menschen müssen mehr arbeiten und noch länger als 70, da verstehe ich ehrlich gesagt jeden Dreher oder jeden Handwerker, der dann sagt, boah, ganz ehrlich, geh mir nicht auf den Geist, du Politik, ja, ich habe jetzt keinen Bock mehr zu arbeiten, du nervst mich. Wenn man den Menschen aber sagen würde, sie dürfen das Leistungsglück auch noch über 70 leben, weil viele sind ja schon Mitte 50 beim Arbeitsmarkt, Ende 50 wird das schon so getan, als wären die weg vom Fenster. Wenn man ihnen also sagen könnte, sie können das Leistungsglück leben, solange sie wollen oder auch mal überlegen, wie könnte man die umschulen, was gibt es für neue Aufgaben. Aber stattdessen haben wir es als sowas Negatives konnotiert in unserem Land, was ich so unglaublich schade finde. Ich bin der vollen Überzeugung, fünf Stunden die Woche im falschen Job sind schlimmer als 50 im richtigen. Und ich würde einfach gerne dahin kommen, dass wir alle viel mehr probieren, dass in den Schulen die Menschen auch herausfinden, was ihnen Spaß macht. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die war in der Uni jetzt nicht die Kerze auf der Torte, wo ich jetzt sagen würde, das war die beste Studentin, aber die ist richtig gut in ihrem Job jetzt. Und vielleicht wäre für die sogar eine handwerkliche Ausbildung besser gewesen. Also ich finde, wir müssen einfach gucken.

Dass wir junge Menschen nicht so probieren reinzupressen. Eine Freundin von mir hat Jura studiert, nur weil ihre Eltern das unbedingt wollten. Am Ende hat sie das nie abgeschlossen. Mein Studiengang European Studies in Maastricht mit Wirtschaftsfokus hätte sie, glaube ich, brillant abgeschlossen. Besser als ich. Und ich war jetzt auch nicht die Schlechteste der Uni. Und was ich dazu sagen will ist, wir müssen es doch schaffen, das sehe ich halt wirklich bei mir und meiner Schwester. Ich glaube, das Beste, was unsere Eltern für uns getan haben, ist A, uns beizubringen, von nichts kommt nichts. B, keine Schwäche zu akzeptieren. Also ich musste immer in die Schule gehen, ich durfte nie sagen, ich bleibe zu Hause, weil ich Bauchschmerzen hatte. Und dann aber auch die Leidenschaft der Kinder prägen. Ich meine, es kann ja kein Zufall sein. Meine Schwester hat gesagt, sie will mit zehn Jahren, wollte sie schon zu Coca-Cola. Sie ist jetzt Ende 20 und ist bei Coca-Cola und hat da auch das Management-Training gemacht. Also es bedeutet irgendwie, glaube ich schon, dass meine Eltern da einiges richtig gemacht haben, uns beruflich das machen zu lassen, was wir wollen. Beziehungsweise da war mein Vater die treibende Kraft dahinter. Der hat das getan bei mir.

Frank Thomé: Also das ist toll, dass du so sozialisiert bist. Mir geht es genauso. Ich konnte die Leidenschaft auch leben und war auch hart zu mir selbst und zum Teil dann auch zu anderen. Ich habe heute so das Gefühl, wenn man mal die Gesellschaft als Ganzes sieht, dass gerade bei den ganz Jungen, also in den Schulen, in den Vereinen, Leistung immer mehr zu einem belasteten Begriff wird. Trainieren wir das unseren Kindern nicht gerade systematisch ab?

Nena Brockhaus: Doch, aber es hat natürlich auch was damit zu tun, dass Kritik ja als was Negatives angesehen wird. Also ich bin damit aufgewachsen und vor allem in meiner Journalistenschule sozialisiert worden, Kritik ist Liebe. Sobald ich anfange, einen Menschen zu kritisieren und mich mit ihm auseinanderzusetzen, nehme ich ja sogar Disharmonie in Kauf. Das heißt, nur wenn du jemanden liebst oder freundschaftlich sehr magst, nimmst du es doch überhaupt auf dich. Und so ist es doch auch bei den Menschen im Job. Ich hatte schon Praktikanten, die habe ich nicht einmal kritisiert. Nicht, weil sie nichts falsch gemacht haben, sondern weil sie es nicht wert waren. Und so hart ist es, das zu sagen. Jemand, der am ersten Tag im Homeoffice ist, der eine 30 Stunden-Woche machen will, der gefühlt nie erreichbar ist, der wird von mir nicht ein einziges Mal kritisiert werden während seines Praktikums, da bin ich froh, wenn es vorbei ist. Ich habe jemand anderen erlebt, der war bei mir erst Praktikant einen Tag, da war der schon so gut, dass ich ihn dann an Tag zwei zum Werkstudenten gemacht habe. Am Ende war er Redakteur, wir arbeiten jetzt immer noch miteinander. Ich würde sagen, ich habe wenige so hart im Berufsleben kritisiert wie ihn und ich würde sagen, es gibt wenige, die so gut sind im Berufsleben wie er und er hat jetzt auch eine krasse Karriere gemacht. Ich sage jetzt nicht seinen Namen, aber er ist jetzt hier bei Springer sehr, sehr gut unterwegs und deswegen ist Kritik Liebe. Stattdessen tun wir aber alle so, als dürfte man einander nicht mehr kritisieren. Und ich denke schon, dass derjenige, über den ich eben gesprochen habe, auch so gut ist im Berufsleben, weil ich ihn da auch sehr hart herangenommen habe. Und andere waren es mir einfach nicht wert.

Diese Kritiken ist Liebe ist für mich fast wichtiger als das Leistungsglück. Wir müssen Menschen wieder kritisieren. Und ich finde diese Kritik ist Liebe, das ist was, was ich gerne der jungen Generation weitergeben würde, weil die kann man gefühlt gar nicht mehr kritisieren.

Frank Thomé: Und da will ich nämlich noch einen anderen Begriff ins Spiel bringen und zwar die Vollkasko-Mentalität. Also wirklich das Gefühl, dass das immer wieder auch als Forderung an den Staat gerichtet wird, dass er für alle Risiken, alle Unsicherheiten des Lebens aufkommen soll, absichern, auffangen, kompensieren. Und das sind ja immer mehr jüngere Leute auch, die das so wollen und teilweise sogar noch sagen, der Staat soll sich noch um mehr kümmern. Ich würde auch mehr Steuern bezahlen, wenn er das dann macht. Das ist für mich total problematisch, weil ja eine Gesellschaft so auch Eigenverantwortung verlernt. Wenn das so weitergeht, haben doch immer weniger Menschen das Gefühl, dass Anstrengung sich wirklich lohnt.

Nena Brockhaus: Ja, aber das Problem ist ja auch, dass die Parteien ja auch gefühlt die Transferempfänger mehr lieben als die Leistungsträger in unserem Land. Also man muss ja mal ehrlich sagen, nicht nur ich, sondern Millionen von Bürgern in unserem Land haben das Gefühl, dass eigentlich die belohnt werden, die gar nicht arbeiten, anstatt der, die jeden Tag aufstehen. Mal ein Beispiel. Wir haben in Deutschland ja, was Bildungsgerechtigkeit betrifft, bei Studierenden das schlimmste System fast ever. Also wir sind auf Platz 25 von Bildungsgerechtigkeit. Bei uns im Land hängt es mehr davon ab, welchen Abschluss du machst von deiner sozialen Herkunft als in Ländern wie Slowenien. Ja, so dramatisch ist es bei uns. Weil das System kaputt ist. Ich meine, in Deutschland, wenn man kein BAföG bekommt, wenn also die Eltern knapp drüber sind, dann können die sich trotzdem nicht leisten, dich im Studium groß zu unterstützen. Dann kann man einen Studienkredit aufnehmen, was ja eine super Sache ist. Ich würde es den Studenten auch nicht umsonst geben. Aber die Höhe des Kredits ist ja wirklich grausam. 6,5 Prozent. 2024 waren es noch 7,5 Prozent. Werden teilweise über 8 Prozent, was die KfW den Studierenden abnimmt. Die KfW, das muss man wirklich dazu sagen. Also ich bin dafür, dass wir das komplette Bildungssystem, was Förderung betrifft, einmal überarbeiten und wirklich zinslose Darlehen machen.

Frank Thomé: Nena, in deiner Arbeit befasst du dich auch regelmäßig, Stichwort wofür gibt denn der Staat eigentlich sein Geld aus mit den großen Themenproblemen des Landes. Ich finde zum Beispiel dein Buch Mehr Geld als Verstand wirklich großartig, weil du da einen ganz zentralen Punkt triffst. Wir haben ja einen Staat mit enormen Einnahmen, über eine Billion Euro an Steuereinnahmen, also über eine Billion. Dazu einen immer größeren Personalapparat. Staatsquote liegt aktuell bei 52 Prozent. Ich weiß gar nicht, wo Planwirtschaft beginnt, wenn mehr als jeder zweite Euro durch Beamtenhände geht. Trotzdem bröckelt Infrastruktur, Prioritäten fehlen, Finanzen geraten unter Druck. Ich habe den Eindruck, dass die Politik immer auf die Einnahmeseite schaut und bei allem was kommt quasi reflexartig nach mehr ruft. Mehr Geld, mehr Personal, mehr Subventionen wächst immer weiter, ohne proportional besser zu werden. Wir haben doch viel mehr ein Ausgaben- und Strukturproblem. Wie siehst du das?

Nena Brockhaus: Total. Also wir haben kein Einnahme-, sondern ein Ausgabenproblem. Ich muss hierbei eine Lanze für die Politik brechen. Ich habe ja, seit mein Buch raus ist, mit sehr, sehr vielen Politikern gesprochen. Das Problem ist ja immer, wenn sie sparen wollen, kommt aus einer Lobby der Ärger. Also ich verstehe so ein bisschen das Dilemma der Politik, dass ganz viele Interessengruppen immer dagegen sind. Ich bin der Meinung, wir wären das beste Land, wenn wir mehr Netto vom Brutto hätten. Und zwar jeder einzelne von uns endlich. Und dann würde der Staat auch nicht immer alle alimentieren müssen. Wenn eine Familie mehr Netto vom Brutto hätte über Jahre, könnte sie auch einfach das Studium der Tochter zahlen. Dann brauchen wir gar kein BAföG. Wenn wir mehr Netto vom Brutto hätten, könnte auch die Frau länger zu Hause bleiben, wenn sie das denn will oder, um natürlich genderneutral zu sagen, der Mann könnte auch länger zu Hause bleiben, wir wollen das jetzt hier nicht typisch weiblich gestalten. Stattdessen haben wir aber horrende Steuern und Abgaben und dann will der Staat immer alimentieren, Elterngeld, BAföG und das Ganze, ich wäre wirklich mehr für zinslose Darlehen. Und dass man dann, wenn man halt Geld braucht, sich das eher leihen kann, aber auch wieder zurückzahlt. Und ich bin dafür, dass wir alle mal überlegen, wo wir sparen können. Und der Staat muss endlich die Bürger entlasten. Mich nervt wirklich diese Weihnachtsmann-Mentalität. Das Elterngeld ist kein Geschenk vom Staat. Auch das Kindergeld übrigens nicht. Also es sind ja keine Geschenke. Kindergeld ist ein bisschen was anderes, weil es ja ab einem gewissen Einkommen von den Steuern runtergeht.

Nena Brockhaus: Aber trotzdem, ich verstehe zum Beispiel auch gar nicht und jetzt werden wieder Leute sagen, naja, du kannst es ja einfach spenden. Aber ich verstehe zum Beispiel auch nicht, warum eine Familie wie ich Kindergeld bekommt. Und dann wird wieder gesagt, ja, wegen der Bürokratie, Nena, es wäre viel schwerer, alle auszusieben. Wir sind eins der bürokratischsten Länder ever. Da kann man ja wohl auch aussieben, wer wirklich Kindergeld nötig hat. Und ich bin sogar dafür, dass dann der alleinerziehenden Mutter, die es wirklich braucht, mehr gegeben wird und dafür eine Familie wie ich gar keins bekommt. Ich lege das jetzt für meinen Sohn in Aktien jeden Monat an, ist gut für ihn, aber wir bräuchten es nicht. Und das ist so ein bisschen der Punkt, wo ich sage, lasst uns doch endlich wirklich anfangen zu sagen, nur noch wer in Not gerät und die Menschen aber auch gerne mehr. Also zum Beispiel, wenn man krebskrank wird in diesem Land. Man fällt ja so runter nach zwei bis drei Jahren. Den Menschen würde ich viel mehr geben, die nicht arbeiten können.

Frank Thomé: Ich sage mal, wenn wir über Einzelmaßnahmen diskutieren. Ja, du hast eben gesagt, da gibt es überall starke Lobbygruppen und jeder haut sofort drauf. Das liegt aber nach meiner Wahrnehmung auch so ein bisschen daran, dass es der Politik, auch der aktuellen Bundesregierung nicht gelingt, dass sie eine überzeugende Geschichte aus einem Guss erzählen. Kein klares, übergeordnetes Narrativ, kein Zielbild, eine Erzählung, wo das Land hin will, hin soll und dass da jeder auch seines dazu gibt und vielleicht auch ein Stück abgibt. Gesellschaft, auch die Wirtschaft, auch die verschiedenen anderen Interessengruppen, damit keiner jetzt das Gefühl hat, ich werde jetzt als Einziger übervorteilt. Warum schafft die Regierung das nicht?

Nena Brockhaus: Friedrich Merz muss halt schnell Kommunikation lernen, weil wir Bürger fordern immer Emotionalität von den Politikern, aber die, die da ein bisschen emotionaler sind, die hassen wir dafür. Ich fand zum Beispiel gut, wo er diesen Satz rausgehauen hat mit kein Kanzler vor mir musste es ertragen, was ich ertragen muss. Selbstverständlich mussten es viele Kanzler vorher mal ertragen, aber wir wollen doch Menschen, die mal was raushauen. Wenn wir die Menschen dann immer sofort derart harsch dafür kritisieren, haben wir nur noch Politiker, die direkt mit Kommunikationsberater auftauchen und nur noch Phrasen dreschen. Ich sage teilweise auch Sachen, die ich halt einfach mal so raushaue, aber auch als Kanzler, finde ich, darf man das auch. Ich finde nicht, dass wir nur noch Kanzler brauchen. Ich meine, wenn man an Schröder denkt, im Brioni-Mantel, wir haben doch früher viel mehr toleriert, ja, als Gesellschaft auch. Und was das Thema betrifft mit Merz, da würde ich ihm noch etwas länger als ein Jahr geben wollen. Ich finde, da sollten wir mal ein bisschen noch abwarten, was er überhaupt noch so schafft. Anstatt jetzt wieder, also ich meine, Politiker werden will ja wirklich keiner mehr in diesem Land. Und klar wurden andere Kanzler auch sehr abgeworfen. Also an denen abgearbeitet, aber durch Social Media ist es ja wirklich irre bei Bärbel Bas. Ich bin wirklich kein Fan von Bärbel Bas. Aber was der Frau entgegenschlägt, ist wirklich irre. Und da muss ich sagen, ich würde mir da auch eine bessere Debattenkultur in unserem Land wünschen. Und was Abrüsten der Wirtschaft betrifft, die Wirtschaft kann nicht noch mehr geben und noch mehr abrüsten. Wir sind bereits in der Deindustrialisierung.

Frank Thomé: Ja und deswegen finde ich, muss man gerade als Bundesregierung klare Prioritäten und Ziele setzen. Ich meine, die entscheidende Frage ist doch, wie wollen wir 2040 leben und wovon? Und dann kannst du aus den Zielen sozusagen runterbrechen bis auf Maßnahmen, die in diese übergeordneten Ziele einzahlen. Das hätte man beim Koalitionsvertrag auch schon machen können. Stattdessen hat man jetzt da ein Kleinkram, was abgehakt werden soll. Das ist, glaube ich, relativ wenig zielführend und wir erleben das. Und die Investitionsbudgets der Unternehmen, gerade im Mittelstand, die nehmen heute schon ab, die können ihr Kapital nicht verlagern und es wird erschreckend wenig in Innovation investiert und das korreliert eins zu eins mit Wettbewerbsfähigkeit und daran hängt irgendwann dann auch mal Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in diesem Land. Nena, ich würde gerne auf ein Thema kommen, das du auch in deinem Buch identifiziert hast. Und zwar beschreibst du die hohen Beraterkosten in Ministerien und Behörden. Was ist da für dich das eigentliche Problem? Weil man könnte ja auch sagen, sollen doch die es machen, die es am besten können.

Nena Brockhaus: Ich würde jetzt nicht sagen, dass jeder Unternehmensberater das besonders großartig kann, vor allem auch nicht in Zeiten von ChatGPT und Claude. Ich glaube eh, dass sehr, sehr viele Berater bald sehr, sehr wenig zu tun haben werden. Und für mich ist eher das Problem, ich meine, der Bundestag ist immer aufgeblasener, die Ministerien sind immer aufgeblasener und da müssen auch externe Leute kommen, um es irgendwie hinzukriegen. Das kann nicht sein. Man sagt immer zum Beispiel da irgendwie die 80 oder 100 Millionen brauchen uns jetzt gar nicht stören, es sind auch noch weit mehr geworden, aber ich bin zum Beispiel auch gegen den Fahrdienst, ja, der Fahrdienst. Warum hat jeder Bundestagsabgeordnete einen Fahrdienst? Da kann man sagen, diese 16 Millionen sind uns auch egal, aber das ist genau die falsche Rangehensweise. Der Bund der deutschen Steuerzahler hat gezeigt, der Bundestagsabgeordnete wäre schneller und günstiger, wenn er einfach immer ein Uber oder ein Taxi rufen würde, was er auch einreichen kann. Das heißt, der Fahrdienst ist nicht mehr schneller, nicht mehr günstiger und nicht mehr besser. Also das sind alles so Sachen, der Bürger muss auch zu seinem Arbeitsplatz kommen. Warum haben die Bundestagsabgeordneten einen Fahrdienst? Ich glaube auch dieses ganze Vollkasko Denken muss mal raus aus dem Bundestag und auch bei den Beraterkosten. Ich finde, dann sollen die halt sagen, okay, die Ministerien sind alle so unfähig, da müssen wir jetzt hier die Hälfte der Mitarbeiter abbauen und nehmen nur noch Berater. Ich kann es ja sagen, ich habe ein Praktikum in der Beratung gemacht und ich war danach ja auch zwar eher im Marketingbereich, aber bei einer sehr großen, einer der Big Four. Ich weiß jetzt nicht, ob ich den Unternehmensberatern unser Land anvertrauen würde.

Frank Thomé: Gut, also wenn man eine externe Beratung braucht, dann muss man intern verschlanken. Oder man macht es halt mit dem eigenen Apparat. Der ist ja groß genug. Allein im letzten Jahr 100.000 Beschäftigte nochmal aufgebaut. Sowohl Angestellte als auch Beamte im öffentlichen Dienst. In der demografischen Entwicklung nehmen wir bevölkerungsmäßig ab. Da wird die Betreuungsquote immer höher. Aber Beratung hat ja am Ende des Tages auch immer viel mit Vertrauen zu tun. Das habe ich selbst erlebt aus der Managementberatung kommend und das erleben wir auch in der Politik. Also aktuelles Beispiel, unsere Bundeswirtschaftsministerin, die hat ja auch vor kurzem kommuniziert öffentlich, dass sie in Zukunft noch viel, viel mehr an externen Beratungsaufträgen vergeben möchte. Da weiß ich aus dem Ministerium selbst, das hat viele wie vor den Kopf geschlagen sozusagen. Das kam da gar nicht gut an.

Nena Brockhaus: Wenn Frau Reiche dafür die Hälfte ihrer Belegschaft entlässt und sagt, es können ja nur die Berater, ist okay. Nur ich finde, wir können keinen aufgeblasenen Bundestag haben und dann noch Berater besorgen. Also die Wahrheit ist doch, die Wirtschaft ist der Motor unseres Landes, nicht die Politik. Und die Politik soll die Wirtschaft einfach endlich mal in Ruhe lassen. Also was hat die Politik denn so großartig die letzten Jahre für die Wirtschaft gemacht? Es kommen immer irgendwelche Gängelungen, irgendwelche Verbote, ich sag nur Verbrenner-Aus, ja. Was uns da fast die Automobilindustrie kostet. Die sollen einfach den Wettbewerb lassen, pro Wettbewerb sein, pro Marktwirtschaft sein und endlich mal die Leute in Ruhe lassen. Also ich glaube, es wäre schon sehr geholfen, wenn die Politik, die Menschen und die Wirtschaft einfach mal in Ruhe lässt. Das wäre schon ein großer Sieg. Da muss man gar keine Berater dafür holen. Einfach in Ruhe lassen.

Frank Thomé: Aber das machen die nicht. Ich selbst bin seit über 20 Jahren in der Bürokratieabbau Diskussion drin und ich muss sagen, ich habe all diese Sprüche, die wir auch im letzten Wahlkampf gehört haben, die habe ich vor 20 Jahren schon gehört. Die Daten sollen laufen, nicht die Bürger. One in, two out, Genehmigungsfiktion, all diese Themen. Für mich ist Regulierung der Wirtschaft Misstrauen. Und da frage ich mich auch, warum vertrauen wir eigentlich den Unternehmerinnen und Unternehmern so wenig? Wir sollten doch gerade denen vertrauen, die ja jeden Tag Verantwortung übernehmen, die investieren, ausbilden, innovieren und die vor allen Dingen für ihre eigenen Entscheidungen gerade stehen, die dafür auch haften, höchstpersönlich. Aber mit dem Bürokratieabbau kommen wir nicht so richtig voran.

Nena Brockhaus: Es könnten ja mehr Unternehmer in die Politik gehen. Also das muss ich schon auch sagen. Ich höre mir so oft an bei irgendwelchen Live-Auftritten, wie schlimm die Politiker sind. Dann sage ich, macht doch mal. Also dann macht doch mal. Geht in die Parteien, engagiert euch, macht doch mal.

Frank Thomé: Ich glaube, das wird niemand tun.

Nena Brockhaus: Aber dann kann man auch nicht immer nur meckern.

Frank Thomé: Das wird niemand tun. Erstens mal musst du abkömmlich sein in deinem Unternehmen, musst Strukturen aufgebaut haben, dass man da auf dich verzichten kann. Und dann bist du da in einem System drin, das dir nicht unbedingt wohlwollend gelitten ist. Das hat der eine oder andere schon versucht, aber dieses System zieht Leute von unten hoch, die mit 16 Wahlplakate geklebt haben.

Nena Brockhaus: Aber es gibt auch in Deutschland die Möglichkeit, eine eigene Partei zu gründen. Also ich finde wirklich, und dafür muss man jetzt nicht selber in den Bundestag ziehen und von seinem Unternehmen abkömmlich sein. Man kann auch einfach eine Partei gründen mit vielen anderen.

Frank Thomé: Ganz so einfach ist es nicht, eine Partei zu gründen.

Nena Brockhaus: Du musst die Stimme dafür kriegen.

Frank Thomé: Hoher Aufwand.

Nena Brockhaus: Klar ist es hoher Aufwand, aber ich finde, wir können auch nicht immer nur meckern. Also das ist auch bei mir so ein Moment geworden, wo ich so sage, Das bringt auch Deutschland nicht weiter. Ich glaube, wenn jeder schon mal anfangen würde, seinen Job besser zu machen oder seinen Job überhaupt zu machen. Ich meine, wir haben Bäckereien, wo um 14 Uhr steht, wir haben heute keine Fachkraft mehr zum Bedienen. Die Taxifahrer in Berlin wissen überhaupt nicht mehr, wo irgendein Gebäude ist. Also immer wird das Handy nach hinten gereicht, wo man eingeben muss, wo man hinfahren will. Die Flugbegleiter dürfen jetzt nicht mehr den Koffer mit nach oben tragen. Das heißt, selbst wenn man mit Kind unterwegs ist, darf der Steward es nicht mehr mit anfassen, was eigentlich eine Form der Nächstenliebe ist, einer Frau mit einem Kind mit einem Koffer zu helfen. Also ich finde, wir wirtschaften uns so sehr herab in diesem Land, weil auch keiner mehr seine Arbeit macht. Ich meine, heutzutage musst du dich ja schon bei Leuten bedanken, wenn sie mal eine Überstunde machen.

Nena Brockhaus: Also ich würde gerne jedem sagen, lebt doch mal selber das Leistungsglück, schafft mal einen Arbeitsplatz. Das ist auch für mich so ein Punkt. Menschen, und da meine ich natürlich vor allem junge Linke mit, die noch nie in ihrem Leben Arbeitsplatz geschaffen haben, die noch nie für ein Kind gesorgt haben, die noch nie irgendwen gepflegt haben, die noch nie 20 Jahre mal im Unternehmen gearbeitet haben, die haben immer die absolute Überzeugung zu wissen, was gut in diesem Land ist, dass sie weniger arbeiten müssen, Work-Life-Balance. Da sage ich immer, mach doch mal selbst. Und man kann so viel schon in seinem eigenen Bereich schaffen. Man kann sich ehrenamtlich betätigen. Ich meine, Franca und ich hatten diese Idee, beziehungsweise ich hatte die und sie ist mir dann direkt gejoint, was großartig war. Ich meine, ich hatte die Idee, damals Studienkredite abzuzahlen. Jetzt haben wir schon 150.000 Euro zurückgezahlt. Das heißt, anstatt immer nur zu meckern mit der Bildungsgerechtigkeit, kann man auch was machen. Und das ist in meinen Augen in jedem Bereich so. Und jeder kann doch eine Stimme haben und was machen. Also ich finde, wir.

Nena Brockhaus: Wir sind alle auch schon in Debatten viel zu sehr, die Politik soll machen, die Politik soll sich kümmern und Merz soll letztendlich machen. Nein, wenn dich was bei dir in der Stadt stört, schreib doch schon mal deinem Bundestagsabgeordneten, das rate ich auch am Ende meines Buches. Wenn du findest, wir haben zu wenig Bildungsgerechtigkeit in unserem Land, dann schau doch mal in der Grundschule in deinem Dorf oder schau mal in der Schule in deiner Stadt. Wenn du findest, Studienkredite sollten mehr zurückgezahlt werden, join gerne unsere Initiative WUT. Man kann sich so viel in diesem Land bemühen, anstrengen und was verändern. Und ich finde das, dieses Kisses-Geil-Gefühl, dieses Mach-was-aus-deinem-Leben, dieses Hab-Spaß-dran, dieses Geh-die-extra-Meile, das nehmen wir den Leuten. Weil wir wirklich alle nur noch darüber reden, wir warten, was Merz macht. Es ist völlig egal, was Merz macht eigentlich. Es ist viel wichtiger, was man selber macht oder auch, was man für die Gesellschaft macht. Ich hatte, ich rede mich hier schon in Rage, aber wir hatten letztes Jahr eine Gewinnerin, Juliane Luft. Die hat den WUT-Award letztes Jahr gewonnen. Das war eine großartige Frau. Die studiert Medizin, will Mund-Kiefer Chirurgin für Ärzte ohne Grenzen werden. Hat nebenbei in einer Fabrik gearbeitet, kellnert. Also genauso diese leistungsstarke Frau, die wir wollen. Das war ja aber alles noch nicht genug. In der Corona-Pandemie fand sie die Entscheidung der Politik falsch, besonders dass Menschen alleine sterben. Die hat aber dann nicht darüber geredet, was jetzt Karl Lauterbach anders machen muss. Nein, Juliane Luft ist ehrenamtliche Hospizbegleiterin und hat Menschen in den Tod begleitet während der Corona Pandemie, damit sie nicht alleine sterben müssen.

Nena Brockhaus: Und als sie dann gesagt hat, wir alle müssen dem Land was zurückgeben, hat jeder Gänsehaut, weil das ist doch der Punkt. Und wenn wir mehr Menschen wie Juliane Luft in unserem Land hätten, würden wir gar nicht in dieser Misere hocken, in der wir hocken.

Frank Thomé: Ja, ein toller Appell. Ich hoffe, dass sich da sehr viele aktivieren lassen. Zum Schluss vielleicht noch einen kurzen Blick nach vorn. Was würdest du sagen, muss jetzt kurzfristig akut passieren, jeder in seinem Bereich aktiv werden?

Nena Brockhaus: Jeder in dem, was er machen kann, das meiste rausholen, das ist doch auch so ein bisschen, welchen Anspruch man an sich selbst hat. Also das ist eigentlich immer für mich dieses Thema mit dem Leistungsglück. Hat man den Anspruch, Dienst nach Vorschrift zu machen? Also um mal ein privates Beispiel zu geben, mein Vater ist ja leider vor zweieinhalb Jahren an Krebs gestorben, mit 61 so. Und natürlich war die Beerdigung furchtbar und es war auch alles furchtbar und die Zeit war auch furchtbar und jeder, der schon mal jemanden an Krebs verloren hat, weiß, dass es furchtbar war. Und bei der Beerdigung standen dann diese ganzen Handwerker, die mit ihm sein Leben lang gearbeitet haben. Der eine hat sich vorgestellt mit, ich habe mit ihrem Vater noch bei Formatisch gearbeitet, der andere meinte, ich war aus der Ära Alimex, der Nächste meinte das. Und dann standen da diese Menschen und saßen bei der Beerdigung, was halt mir und meiner Schwester wahnsinnig viel bedeutet. Und ich habe zu den Menschen gesagt, die da saßen, zu seinen Handwerkerfreunden, dass er sein Leben gegeben hätte, weiter mit ihnen arbeiten zu dürfen. Das war natürlich falsch, weil er musste ja leider sein Leben geben, aber er hätte viel von seinem Besitz gegeben, um seinen Job weitermachen zu dürfen. Mein Vater ist schwer krebskrank in seine Firma gegangen, hat an der Maschine gearbeitet. Und ich glaube, wir müssen endlich dahin zurückkommen, in der Gesellschaft zu sagen, dass wir aufhören müssen, immer dieses Leistungsglück so schlecht zu reden. Also und dann immer zu sagen, ja dann liebt man sein Privatleben nicht genug. Nein, aber es ist doch auch toll zu merken. Ich meine, wer hat denn im Homeoffice jemals gelacht? Kein Mensch.

Frank Thomé: Das machst du in der Gesellschaft.

Nena Brockhaus: Das macht man auch im Office mal. Es ist jetzt gleich, glaube ich, halb sieben. Der hätte auf Social Media bei Welt geschrieben, wie lange ich jetzt noch hier arbeite, also den Podcast mache. Und dann gehen wir hoch und machen die Reels heute von der Sendung zu Ende bis wahrscheinlich 21 Uhr. Der hat heute auch um acht angefangen. Danach gehen wir zusammen eine Pizza essen und lachen zusammen. Und ich glaube, dieses Lebensgefühl, wenn man auch zusammen die Extrameile geht, was da für Freundschaften entstehen und ich sage immer das Beispiel meinem Vater, weil ich eine Sache so leid bin, dass mir immer gesagt wird, ja du bist privilegierte Journalistin, klar mach dir deinen Job Spaß. Mein Vater war erstmal Dreher von 15 bis 45, bis er Handwerksmeister war. Der hat seinen Job geliebt. Das sind die im blauen Anzug. Er hat es geliebt. Und ich finde, wir sollten auch endlich aufhören, das Handwerk immer so schlecht zu reden. Und ich glaube wirklich, dass wir den Menschen mehr vorleben sollten, genauso wie diese schreckliche Care-Arbeit-Debatte. Ja, Kinder sind anstrengend und ja, es gibt auch mal Zeiten, wo ich um 22 Uhr neben meinem Sohn einschlafe und denke, oh Gott, wenn er mir die ganze Küche angemalt hat und ich irgendwie zu gar nichts kam und so weiter und dann noch seine ganzen Freunde und ich hab das auch.

Nena Brockhaus: Aber nichts, was im Leben nichts kostet, ist etwas wert. Und man schätzt natürlich auch Sachen mehr wert, für die man mehr gibt. Und natürlich liebt man sein Kind am meisten, weil das Kind auch die meiste Arbeit macht. Und genauso sollte man aber auch seinen Job lieben. Und ich habe auch meinen Kellnerjob geliebt, als ich 16 war, während der Schulzeit. Und ich fand das super gut, wenn ich morgens mit Fabienne, wir haben damals mit unter 18 bis morgens um 6 gearbeitet, durften wir eigentlich nicht, da waren wir 17. Wenn wir morgens das Rührei gegessen haben, hat sich das doch besser angefühlt und geschmeckt, als heute das Rührei schmeckt. Also ich finde, wir nehmen den Menschen damit auch ganz, ganz viel. Wir nehmen den Menschen damit auch den Glauben daran, dass sie selbst für sich sorgen können. Und das ist für mich eigentlich am schlimmsten. Und zwar diese Erfolgserlebnisse, die man auch hat. Frank Thomé: Das war ein tolles Schlusswort. Liebe Nena, ganz herzlichen Dank. Danke. Ich finde auch sehr anregende Gespräche. Mir hat es großen Spaß gemacht mit dir heute.

Nena Brockhaus: Danke, ich komme bald mal wieder bei euch im Saarland. Ich bin ja sehr gerne bei euch zu Gast.

Frank Thomé: Du bist jederzeit herzlich willkommen.

Nena Brockhaus: Dankeschön. Tschüss

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Porträt Mathias Hafner (jpg) | Oktober 2021

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