Folge 7: Annette Orlinski schafft Freiräume für das Leben
Eine Reise durch Kreativität, Kunst und Therapie
Thomé:
Ja, ich freue mich heute sehr, einen ganz besonderen Gast in meinem Podcast grüßen zu dürfen und ich muss vorwegschicken, dass ich wirklich selten einen Menschen erlebt habe, der auf einem solch hohen Energielevel unterwegs ist, mit so viel kreativer Power, mit immer neuen Ideen, einem vorbildlichen sozialen Engagement und einem riesengroßen Herz für bedürftige und benachteiligte Menschen. Und all das verbunden mit einer tollen, positiven Ausstrahlung. Annette Orlinski ist kaum in ein, zwei Sätzen zu beschreiben, denn sie ist ein Multitalent. Künstlerin, Designerin, Galeristin, sie bringt Kulturen zusammen, leitet integrative Jugendprojekte, ist Kunsttherapeutin mit schwerstbehinderten Menschen. Sie hat immer zahlreiche Design- und Kunstprojekte am Laufen, gibt Motivations- und Teambildungskurse in Unternehmen und ist unter anderem auch Coach für persönliche Lebensberatung aller Art. Heute bei mir zu Gast die wunderbare Annette Orlinski. Herzlich willkommen zum Deep Dive Wirtschaft.
Orlinski:
Ja, vielen Dank, Frank. Ich freue mich auch sehr, dass ich hier dabei bin. Und ja, da kann man noch ein bisschen ergänzen, was du dazu gesagt hast. Aber ja, es ist viel passiert in meiner Lebenszeit.
Thomé
Wenn du dich in einem kurzen Satz beschreiben solltest, was du beruflich machst, was würdest du sagen?
Orlinski:
Ja, ich sage immer, ich bin eine Freiraummacherin. Also ich schaffe Freiräume in den Köpfen, in den Räumen tatsächlich und vor allem auch kreative Räume.
Thomé
Du betreibst ja auch eine eigene Werkstatt mit dem Namen Kokon, ein kleiner Freiraum. Du hast dich ja gerade auch als Freiraummacherin beschrieben. Was verstehst du genau unter einem Kokon? Was bedeutet das für dich? Was ist ein Freiraum?
Orlinski
Also das mit dem Kokon, das war ja vor circa zehn Jahren gewesen, wo ich einen Pro-Job gemacht habe, den ich machen musste. Und da bin ich wirklich so an meine Grenzen gekommen, war auch Teamleiterin als Visual Merchandiserin in einem großen Oberbekleidungsunternehmen und musste mich da an Regeln halten, wo ich dachte, oh Gott, also das hat mit Kreativität so gar nichts zu tun. Und hab dann, da gab es so eine Situation, da kam jemand mit 30 Figuren und auf der letzten Figur war dann irgendwie der Kragen von der einen Jacke nicht so, wie es vorgeschrieben war. Und im wahrsten Sinne, da ist mir der Kragen auch geplatzt und hab gesagt, ihr könnt euren Quatsch selbst machen, hab gekündigt, und habe dann im gleichen Atemzug in Saarbrücken in der Franz-Josef-Röder-Straße dieses Eckräumchen gemietet und habe mich da selbst durch Kreativität geheilt. Also ich habe gemalt, ich habe gestrickt, ich habe was auch immer gemacht und der Raum hat so eine kleine Terrasse und da habe ich draußen gesessen und habe gestrickt und der Nachbar kommt vorbei und sagt zu mir, “Annette, strickst du dir deine Kunden?” Und in dem Moment dachte ich, da muss etwas gehen. Und die große Werkstatt hatte ich ja schon und da bin ich schnell hingerannt, habe ein kurzes Konzept, also alles an einem Tag geschrieben, habe einen Bekannten angerufen, habe gesagt, hör mal, ich habe da eine Idee, was hältst du davon? “Ja, finde ich super” und die Idee war geboren, also in diesem kleinen Raum habe ich mich geschützt gefühlt.
Das war mein Freiraum, mein Heilraum, mein Entwicklungsraum, mein Schutzraum und das hat sich angefühlt wie ein Kokon und das war wirklich die Idee an diesem Tag. Von wegen strickst du dir deine Kunden. Und der Bekannte hat dann seinem Bekannten von mir erzählt. Und der war damals Leiter alle Caritas Senioreneinrichtungen. Und dieser Leiter stand dann Woche später bei mir, hat mit mir gestrickt und hat sich das Konzept angehört. Und da begann die Reise, da habe ich alle Caritas von Kita bis Senioreneinrichtungen begleitet, mit Kokons. Also wir haben Kokons gebaut, die in die Bäume gepflanzt sozusagen. Und die Kinder, die haben ja mit der Raupe Nimmersatt zu tun gehabt. Die Jugendlichen, im Kokon, die sich fragen ”bin ich eine Raupe, bin ich ein Schmetterling?”
Und die Senioren haben erzählt, dass sie während des Zweiten Weltkriegs als Kinder und auch Erwachsene Seidenraupen-Kokons gezüchtet haben für die Fallschirme. Und so war das wirklich, der Bogen von Kind bis zum Senior war alles abgedeckt mit diesem Kokon. Und seitdem ist es wirklich so, dass es klar wurde, dass es ein Schmuckstück geben wird. Das ist ja das Amulett. Es wird eine Kokonfabrik geben, es gibt eine Werkstatt und viele andere Dinge, die im Kokon wirklich verbunden sind.
Thomé
Ich werde gleich nochmal darauf eingehen, auch was du mit diesem Schutzraum, mit diesem Freiraum machst, selbst, aber auch was er anderen gibt. Erst noch einmal einen kurzen Schritt zurück. Du bist wahnsinnig kreativ. Du sprudelst voller Ideen und Tatendrang. Wann hast du eigentlich für dich gemerkt, dass du eine besonders ausgeprägte künstlerische Ader hast? Wann ging das los?
Orlinski
Also seitdem ich mich erinnern kann. Also, ich habe als Kind nie mit Puppen gespielt. Entweder habe ich Fußball gespielt, die Knie sind immer aufgeschlagen oder das glücklichste Kind war ich mit Stift und Papier. Und ich komme ja aus Oberschlesien, aus Polen. Stifte und Papier, das war ja nicht normal. Man geht nicht einfach mal in den Laden und kauft das mal. Und da gab es ja, jeder hat da so irgendwie Verwandte in Deutschland gehabt. Und dann kamen die Polenpäckchen, und als ich dann wirklich so ein Schulmäppchen mit Stiften bekam, da war ich ja wirklich im Himmel. Und es war schon immer klar, dass ich irgendwas mit Kunst machen werde, also irgendeinen Weg würde da in Kunst führen. Und das Glück war ja, dass wir nach Deutschland eingewandert sind. Das war tatsächlich vor 35 Jahren gewesen. Und die Dinge nahmen ihren Lauf. Also in der Schule hatte ich einen tollen Lehrer, der mich dann in eine Malschule gebracht hat und Studium und so weiter und so fort.
Thomé
Du hast dann eine Ausbildung gemacht als Bauzeichnerin. Bist auch studierte Kommunikationsdesignerin. War die Berufswahl für dich immer klar oder ist sie dir bei den zahlreichen Interessen eher schwergefallen?
Orlinski
Also das mit der Bauzeichenausbildung war ja ein Zwischenstopp, weil ich mich an der HBK nach meinem Fachabitur Richtung Design beworben habe und da habe ich im Nachhinein -Gott sei Dank- nicht direkt einen Studienplatz bekommen und dann war ich so wieder mal in so einer Schwebe und was mache ich und das war ganz kurzfristig, da war eine Stelle frei und habe ich mich beworben und bin dann auf Baustellen und habe dann mit den Handwerkern Häuser gestaltet.
Thomé
Du hast eben gesagt, es ist jetzt ziemlich genau 35 Jahre her, dass du mit deinen Eltern damals hier nach Deutschland gekommen bist und dann auch direkt ins wunderschöne Saarland. Wieso habt ihr das schöne Saarland für euch ausgesucht?
Orlinski
Ja, also mein Großvater, also der Vater meines Vaters, war deutscher Soldat gewesen und der war hier in Nalbach stationiert. Und Oberschlesien ist ja bekannt für Kohleabbau und das Saarland ja auch. Und das war ja auch so, damals Oberschlesien war nicht Polen, war nicht Deutschland und hier das Saarland war nicht Frankreich und war nicht Deutschland. Und die Mentalität, der Humor, das Essen, also mein Großvater hat immer geschwärmt vom Saarland, weil er sich hier so wohlgefühlt. Und wirklich, er war in Bremerhaven, Hamburg und Saarland und da hat mein Vater wirklich sich direkt ins Saarland entschieden und da waren wir auch vorerst ein Jahr im Lager Lebach gewesen und dann ging die Reise weiter.
Thomé
Und nach 35 Jahren, was bedeutet das Saarland für dich? Gibt es so was wie Heimat?
Orlinski
Also ich sage ja, Heimat ist dort, wo mein Herz ist. Also ich fühle mich hier wohl und ich bin hier sehr, sehr dankbar, dass die Wege so kurz sind. Dass wir auch hier heute sitzen, weil ich glaube, so in anderen Bundesländern ist es schwierig, in dieser Konstellation sich zusammenzutun.
Thomé
Annette, mich würde es mal sehr interessieren, was Kunst für dich bedeutet, was du mit deiner Kunst eigentlich erreichen möchtest. Und ich frage das, weil ich auch schon mit anderen Künstlern gesprochen habe, denen es im Grunde zum Teil nur um sich selbst geht. Aber bei dir hingegen habe ich das Gefühl, du möchtest andere in vielfältiger Weise glücklich machen.
Orlinski
Ja, also ich habe mit der eigenen Kunst angefangen. Das war, glaube ich, 2006 gewesen. Da wurde ich von dem Saarbrücker Zuwanderungsbüro gefragt, weil ich ja in dem integrativen Bereich unterwegs war. Sie fragten “Willst du eine Ausstellung machen?”. Und bis dato hatte ich ja nur so für mich mal Kunst gemacht. Und da habe ich im Studium wieder den Scherenschnitt für mich entdeckt. Das hat wirklich eine große Tradition in Polen. Das habe ich dann als eigene Technik noch mit Stickerei und Zeichnung ergänzt, habe viele Ausstellungen gemacht. Und dann dachte ich, mein Talent ist zu teilen. Und durch diese Kokon-Geschichte und durch diesen Zugang zu Menschen, also von Kindern wirklich bis zu Hospiz und Trauerarbeit, sind auch Schwerstbehinderte dabei. Da ist der Sinn für mich, für die Kunst. Also einfach mein Wissen und mich zu teilen und meine Kunst. Ich meine, ich habe viele Kataloge, viele Zeitungen, viele Fernsehradioauftritte gehabt, aber das bringt mir persönlich nichts, weil ja, davon kann man sich nichts kaufen und so kann man noch die Menschen mitnehmen und auch wirklich berühren.
Thomé
Jetzt durfte ich ja deine Werkstatt auch schon selbst erleben und kann sagen, das ist ein ganz besonderer Ort. Kunstwerkstatt, Modeatelier, Ausstellungsraum, Treffpunkt auch für Workshops, für andere auch Begegnungs-, Gesprächsformate. Und ich hatte bei dir wirklich den Eindruck, du schließt die Tür hinter dir und bist in einer Art anderen Welt und die Welt da draußen, die bleibt auch draußen. Ich glaube, das ist kein Zufall, oder?
Orlinski
Nein, also ich hatte jetzt am Mittwoch eine Veranstaltung mit mehreren Menschen, so über zwei Stunden und wir waren da wirklich in diesem Kokon, also es fühlt sich wirklich wie ein Kokon auf einer Insel und die sind dann vor die Tür raus und wirklich so, oh, was ist denn das? Also da ist wirklich wie so eine Wand zu der realen Welt, sag ich mal, weil in dem Kokon darf und soll jeder so sein, wie er ist.
Thomé
Und wenn du sagst, “jeder”, du hast es ja eben auch schon mal mit deiner integrativen Arbeit, auch Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen angedeutet und ich habe in einem anderen Zusammenhang mal über dich gelesen, dass du auch im Rahmen all deiner Projekte deutlich über 50.000 Menschen gesehen, begleitet hast. Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl, und ich selbst bin zutiefst beeindruckt von deiner Variabilität, von deiner künstlerischen Bandbreite, weil bei diesen 50.000 sind ja im Grunde alle dabei. Du hast, glaube ich, selbst mal gesagt, von der Kita bis zum Hospiz. Woher nimmst du die Energie, die dafür nötig ist?
Orlinski
Also ich habe irgendwann mal aufgehört, Konzepte zu schreiben. Also ich schreibe Konzepte, das ist eine DIN A4-Seite, ein bisschen Text, viel Bild und die Energie. Also ich gehe irgendwo hin und mache mir vorher keine Gedanken, weil wenn ich mir vorher Gedanken mache und da hinkomme, das durfte ich lernen, ist ohnehin alles anders, als ich mir das vorher vorgestellt habe. Und deshalb bin ich immer im Jetzt präsent und schwinge mich sozusagen an die jeweilige Situation und die Menschen ein und die Energie, das ist ein Austausch. Also das ist ja ein Geben und Geben, sage ich. Und ja, es trägt sich irgendwie von allein.
Thomé
Jetzt würde ich da gerne noch einmal nachhaken. Wie würdest du sagen, schaffst du es, dass sich Menschen wirklich in allen Lebensphasen, und wir sprechen ja hier auch von Phasen der Trauer, also von Tod, von Schicksalen, unheilbaren Krankheiten, wie schaffst du es, dass dir die Menschen in allen Phasen vertrauen und sich dir gegenüber öffnen, sich da voll auf dich einlassen?
Orlinski
Ja, ich glaube, das ist so meine Superkraft. Also, es war wirklich im Urlaub, wir waren auf so einem Fest gewesen und da kommt ein Mann auf mich zu. Und das Erste, was er zu mir sagt, “hilf meiner Frau“. Aus dem Nichts. Und ich sagte, “was ist denn da los?” Und da hat er so ein wenig erzählt. Und in dem Moment kommt die Frau auf mich zu und erzählt mir ihre Geschichte. Und dann bekomme ich irgendwie Impulse von wo auch immer. Und dann weiß ich, in zwei Sätzen sage ich was. Und die Tränen fließen und das Thema ist erledigt. Also ich kann es nicht erklären, das ist irgendwie so eine “Superkraft”.
Thomé
Du bist ja bereits seit einiger Zeit selbstständig, hast aber deine kreative Arbeit, ich glaube bis 2018, eher nebenberuflich ausgeübt. Du hast ja eben gesagt, du hast auch hauptberuflich andere Tätigkeiten gemacht. Wie hast du es geschafft, in dieser Zeit Beruf und Nebenberuf über so lange Zeit zu vereinbaren und da einen Hut zu bringen? Du bist ja auch gependelt in dieser Zeit, wie ich das in Erinnerung habe.
Orlinski
Genau, also ich war in Kaiserslautern auch gewesen und habe in der Zeit unheimlich viele Projekte auch gemacht, auch mit dem Zuwanderungsbüro ein Buch geschrieben, und gestaltet und das war alles in der Zeit, jetzt war ich auch viel jünger, da hat man auch irgendwie viel mehr Energie und hat man sich nicht so viele Gedanken drüber gemacht, ja, wie mache ich das denn, sondern ich habe es einfach gemacht.
Thomé
Wann hast du gemerkt, so geht es nicht weiter? War es dann letztlich eine leichte Entscheidung für dich, deinen damaligen Hauptberuf aufzugeben oder ist dir das auch schwergefallen?
Orlinski
Also ich habe diesen Beruf damals stundenweise bis auf, ich glaube, 15 Stunden runter reduziert und dann kamen wirklich immer mehr Projekte. Also auch so in der Schwerstbehinderteneinrichtung war ich sechs Jahre lang jeden Mittwoch und es kamen so regelmäßige Dinge, wo ich jeden Tag irgendwo über Jahre drin war und da gab es die Zeit einfach nicht mehr und auch nicht die Lust vor allem, irgendeinen Quatsch zu machen, nur wirklich nur sinnvoll unterwegs zu sein.
Thomé
Also bist du deinem Herz gefolgt, konntest sozusagen deine Kreativität dann auch als Selbstständige voll ausleben. Aber dann kam ja zwei Jahre später Corona im Grunde voll auch von der Seite reingegrätscht, weil man kann ja sagen, dein Geschäftsmodell, das lebt ja quasi vom Kontakt mit anderen Menschen, aber das war ja dann von heute auf morgen nicht mehr möglich. Wie war das für dich?
Orlinski
Also ich muss sagen, vor Corona war es so, dass ich mit etwa 500 Menschen pro Woche zu tun hatte, also neun soziokulturelle Projekte, das heißt morgens Kita, mittags Obdachlose, abends schwerstbehinderte und 60 Personen zum Malkurs pro Woche in der Werkstatt. Das war finanziell exorbitant, war super. Die Corona-Zeit hat vielleicht mir das Leben gerettet, weil, wenn das weiter in dem Tempo gegangen wäre, würde ich hier wahrscheinlich nicht mehr so sitzen.
Thomé
Wow, das ist ja auch eine Reflexion.
Orlinski
Absolut.
Thomé
Hattest du, wenn ich jetzt mal so direkt fragen darf, in der Zeit des Lockdowns auch mal wirtschaftliche Sorgen?
Orlinski
Eigentlich nicht. Also dadurch, dass ich ja so Gas gegeben und habe wirklich eine tolle Steuerberaterin.. Und die hat mich da wirklich tatvoll unterstützt mit den ganzen Hilfen, weil sonst allein wüsste ich das alles nicht, was möglich war. Ja, aber dann, bis vor Kurzem ist mir klar geworden, dass so diese soziokulturellen Projekte, so wie ich sie kannte, das wird nie wieder so kommen, weil einfach das Geld bei den Trägern nicht mehr so da ist.
Thomé
Ja, ich meine, das interessiert mich natürlich als Mann der Wirtschaft natürlich: Man muss am Ende des Tages auch Geld verdienen. Da würde ich mir schon die Frage stellen ist es mit diesen sozialen Projekten machbar, kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Kliniken, andere soziale Einrichtungen in diesen herausfordernden Zeiten und die Krankenhauslandschaft, die konsolidiert sich gerade, Gesundheitswesen ist völlig unterfinanziert, dass sie ihre Budgets für solche Projekte, streichen oder weit zurückstellen, ist das so?
Orlinski
Absolut, ja, also da musste ich irgendwann mal wirklich für mich überlegen, was ist das noch? Weil am alten Festhalten ist ohnehin nicht so meine Natur. Ich bin da immer sehr flexibel. Ich gehe immer mit dem Fluss des Lebens. Weil mein Sprung ist ja wirklich jetzt diesen Spagat zu schaffen von der Künstlerin in die Wirtschaft und da mal die Freiräume in den Köpfen erschaffen, um einfach neue Perspektiven auf die eigene Welt, auf die Firmenwelt, die da draußen sich stets verändert und das ist gar nicht so einfach Ich denke, meine Schwäche ist wirklich so Ungeduld. Ich überlege mir was und will das sofort. Für mich ist das Ganze klar und ich sehe das Ganze groß. Nur die anderen kommen da oft nicht mit. Und diese Geduld, das ist wirklich so mein Thema, das mich ständig begleitet.
Thomé
Ja, jetzt weiß ich auch, dass zu deinem sozialen Engagement auch gehört, dass du größere Teile deines Umsatzes auch für gemeinnützige Initiativen spendest. Welche unterstützt du denn gerade so?
Orlinski
Die saarländische Krebsgesellschaft, das Projekt Regenbogen. Also ich habe ja ein Konzept entwickelt von einem Kunstprojekt, das heißt Kunst im Werk. Und es geht um Nachhaltigkeit, Firmenkultur und soziales Engagement. Und da gehe ich in die Firmen, das ist noch im Wachsen, aber ich hoffe, dass das jetzt wirklich mal in die Puschen kommt. Wir gestalten Wandreliefs aus Ausschussmaterialien, da kann alles dabei sein und da ist wirklich von der Reinigungskraft bis zum obersten Chef jeder dabei, also als Teambildung.
Thomé
Ah ja, und wenn du sagst, Ausschuss, also das, was individuell in einer Firma, in einem Unternehmen sozusagen nicht mehr gebraucht wird.
Orlinski
Genau. Das kann immer was anderes sein. Ich habe im Studium wirklich alle möglichen Jobs gemacht, unter anderem auch am Fließband. und das war wirklich verrückt, weil es so viel Ausschuss gab. Und das war, glaube ich, Anfang 2000, wo ich den Job gemacht habe. Und da dachte ich, was passiert denn damit? Und da habe ich dann auch gefragt und dann sagen sie, das schmeißt man dann weg. Das kann ja nicht sein. Und die Idee ist damals schon geboren worden. Ich habe immer noch auf den Moment gewartet, wann die Welt auch bereit ist, vor allem ich bereit bin, damit herauszugehen. Also das Unternehmen entscheidet, wie viel Geld in dieses Projekt investiert werden kann. Die einzige Voraussetzung ist, es muss durch drei teilbar sein, weil ein Drittel sofort als Spende von dem Unternehmen an das Projekt Regenbogen geht und ich bekomme dann zwei Drittel und davon die Hälfte spende ich Zeit in Begleitung von betroffenen Familien.
Thomé
Wow, das ist toll. Und das Unternehmen, das du da schon begleitet hast mit Kunst am Werk, wie ist das da abgelaufen? Sind die auf dich zugekommen oder hast du sie irgendwie angesprochen?
Orlinski
Ja, also so ein Freund, der ist Fliesenlegermeister und da habe ich den einfach gefragt, weil er wirklich sehr offen immer ist für meine Projekte und da habe ich gesagt, ja klar, hier hast du Stapel Fliesen, haut die klein, haut das an die Wand und das war wirklich ein tolles Projekt und die Zeitspende haben wir schon umgewandelt in eine Eselswanderung mit den Kindern und den Familien krebskranker Eltern, wo wir Esel vor Ort gemalt haben. Und einfach einen tollen Vormittag verbracht haben.
Thomé
Ja, eine ganz tolle Initiative, sehr unterstützenswert. Und ich merke auch, wenn ich bei dir in den Kokon komme, du kannst, glaube ich, auch mit allen Materialien arbeiten.
Orlinski
Also alles, was ich in die Finger bekomme. Genau, und wir haben uns da auch kennengelernt, an dem Jubiläum der Saarländischen Krebsgesellschaft.
Thomé
Ja, das stimmt. Was mich noch so interessiert, und ich habe ja jetzt schon mehrfach gesagt, sehr beeindruckt, wie du mit Menschen, die in ganz schwierigen Phasen ihres Lebens auch stehen, umgehst. Was macht das eigentlich mit dir? Du betreibst ja die Dinge, die du machst, auch mit großer Leidenschaft und wenn man Dinge mit Leidenschaft macht, ist man ja auch irgendwo offenporig. Das schüttelt man nicht einfach in den Klamotten ab, das geht ja auch in einen rein. Wie verarbeitest du das,
was du erlebst?
Orlinski
Also dadurch, dass ich immer im Moment bin und der Mensch in dem Moment, an dem Punkt steht, wo er steht, ist nur dieser Moment klar. Also nicht, was vorher war, was nachher kommt, sondern wir arbeiten wirklich jetzt. Und wenn ich rausgehe, dann ist es für mich erledigt. Also, ich nehme auch nichts mit. Ich habe wirklich viele Dinge gesehen. Aber dann muss ich mich manchmal selbst wundern, wie ich das mache. Also ich gehe raus und dann gehe ich irgendwo einen Kaffee trinken und dann für mich allein oder umarmen einen Baum und dann ist es wieder gut.
Thomé
Ja und wir hatten eben schon mal kurz das Bild der Batterie. Du hast gesagt, es ist so ein wenig auf Gegenseitigkeit, weil klar, wenn man mit Energie, mit Leidenschaft Dinge verfolgt, dann fließt der Energie irgendwo auch ab. Aber die Akkus müssen ja auch wieder aufgeladen werden. Was gibt dir ganz persönlich wieder Kraft?
Orlinski
Also wirklich der Aufenthalt in der Natur. In den Wald gehen, also ich habe überall Pflanzen in der Werkstatt, das ist ja auch eine grüne Oase, man kommt rein und es ist im Dschungel. Und da habe ich auch den, also dank Corona, hatte ich Zeit und habe da auch den Innenhof begrünen dürfen von meinen Vermietern. Und da tanke ich immer. Also ich setze mich vor eine Pflanze und schaue die einfach nur an.
Thomé
Annette, du hast so vielen Menschen mit dem, was du tust, vieles gegeben. Und ich durfte es ja auch selbst schon erleben. Ich halte es für eine wirkliche Gabe, wie du den Zugang zu Menschen bekommst und habe auch ein wenig das Gefühl, wir alle, wir erarbeiten uns ja so im Laufe unserer Jahre, auch des Berufslebens, eine gewisse Art Ritterrüstung um uns herum. Und ich habe bei dir auch gemerkt, nach den ersten ein, zwei Sätzen, das ist im Grunde weg und das ist eine andere Ebene, auf der man sich unterhält. Wie nimmst du selbst wahr, dass du da eine Gabe hast?
Orlinski
Also ich nenne es nicht Gabe, weil das uns allen angeboren ist. Nur ich habe es trainiert. Das ist wirklich wie ein Muskel. Und unsere Eltern, also wir bringen ja schon über Generationen Themen mit rein. Wir werden geboren und haben den Film, der da schon lange gelaufen ist. Und entweder laufen wir den Film selbst mit oder brechen aus, so wie ich, und machen einen eigenen Film. Und dann kommt man in den Kindergarten, dann darf man das nicht, dann kommt man in die Schule, dann muss man einen Quatsch lernen, was einen nicht interessiert. Und ich finde, da muss man auch noch einmal hin, die Schulen oder das Bildungssystem, dass die Kinder interessenbezogen lernen. Natürlich ist “Einmaleins“ wichtig und Deutsch schreiben und verschiedene Sprachen. Aber es ist auch notwendig, die Intuition und die Empathie zu schulen. Und ich finde in der Corona-Zeit, ich meine, als die Babys ihre Eltern mit ihren Masken nicht erkannt haben…
Also das war wirklich ein Eingriff gewesen, wo man diesen Schutz auch sichtbar gesehen hat. Aber wir haben den alle. Wir machen eine Ausbildung, wir machen ein Studium, wir müssen funktionieren. Unser Ego wird immer größer, weil wir müssen immer leisten und zeigen. Und ich finde auch Social Media mittlerweile für mich total anstrengend, weil alle Bilder sehen irgendwie gleich aus. Also es ist alles wie so ein Filter darüber. Aber die Dinge, wie ich Menschen wahrnehme, es ist pur. Also ich sage ja, ich unterhalte mich mit der Seele und nicht mit dem Gehirn. Und da entstehen, also ich bekomme dann immer so einen Impuls. Ich merke, dass ich auf dieser Ebene mit den Menschen
reden kann.
Thomé
Fällt es dir bei manchen Menschen einfacher, mit denen, ich nehme jetzt mal deine Worte auf, mit der Seele zu kommunizieren, als bei anderen, wo du sagst, da stehen noch ein paar Dinge im Weg, die man da erst mal zur Seite räumen muss?
Orlinski
Ja, da gehe ich dem aus dem Weg zum eigenen Schutz, weil das ja auch noch einmal ein Energieausgleich in jeder Begegnung ist. Und ihr kennt das ja auch, wenn man in einen Raum kommt und irgendwie das Gefühl hat, ach, hier ist irgendwie etwas komisch. Und da kommt jemand rein und lacht und so geht es meinem Mann und mir, wenn wir auf Partys kommen, denn dann geht es ab. Also die Leute laden uns auf Partys ein, damit die Party läuft.
Thomé
Jetzt hast du eben ein bisschen was über Sozialisierung gesagt, im Kita-System, im Schulsystem, so auch wie wir von den Eltern erzogen wurden und auch Krisen, die von links und rechts kommen. Ich glaube auch, das macht was auch mit der Empathie und mit unserer Empathiefähigkeit. Die ist ja bei dir offenbar sehr ausgeprägt. Warum würdest du sagen, ist das bei dir so und du bist eben nicht verstellt worden durch alles, was wir so als Sozialisierung bezeichnen?
Orlinski
Ich kann einfach mit Menschen nicht in einem Raum sein, die eine Maske tragen oder einen Schutzmantel oder ein Panzer oder wie du eben gesagt hast, eine Rüstung, weil ich sehe sie ohne Rüstung und das ist für mich halt sehr anstrengend, diesen Abstand zwischen Rüstung und dem “wahren ich” zu ertragen.
Thomé
Und wie war es bei dir als Kind? Gibt es da besondere Erlebnisse, wo du sagst, die haben dich vielleicht auch geprägt, das für dich zu bewahren?
Orlinski
Ja, also, wer Kinder hat, kennt das ja, das Kind sagt, da ist was unter dem Bett oder da ist was im Schrank oder da ist was in der Ecke. Und dann sagen die Eltern: “da ist nichts, guck mal, Licht an, da ist nichts“. Vielleicht so als Tipp, wenn ihr das nächste Mal ein Baby seht und euch das Baby anguckt. Schaut mal dem Baby in die Augen: das Baby sieht Farben. Jeder von uns leuchtet in Regenbogenfarben und das Kind lacht und freut sich. Das ist genauso bei schwerstbehinderten Menschen. Die merken sofort, wenn die Energie gut ist. Und sobald jemand mit so einer komischen Schwingung hereingeht, sind die wie ein Barometer, die explodieren. Und ich sage wirklich, wenn die Unternehmen clever wären und sich solche besonderen Menschen da auch ins Team nehmen würden, zu Vorstellungsgesprächen oder sonst was, da weißt du direkt Bescheid, wen du dir dareinnimmst.
Thomé
Bist du da auch mit Unternehmen im Gespräch und berätst auch beispielsweise im Bereich von Diversität, wie man Teams zusammenstellt?
Orlinski
Ja, ich versuche es, aber wirklich im Moment ist es etwas schwierig, diesen Bogen zu spannen. Ja, die Künstlerin, die macht ja so komische Sachen mit Kokons und weiß man nicht. Und da die Unternehmen, also wenn ich da anrufe oder Kaltakquise mache und sage, das und das habe ich vor, verstehen die es einfach nicht. Und deshalb habe ich jetzt für mich ein Format gefunden, Menschen zu mir in die Werkstatt einzuladen, damit die einfach mal sehen wie es funktioniert. Also das ist total magisch, sobald man bei mir durch die Tür geht, da ist auch so ein Vorhang und dann tritt man in eine andere Welt.
Thomé
Das kann ich bestätigen und kann auch jedem nur empfehlen, Annette Orlinski mal im Kokon zu besuchen. Annette, bei all den Aktivitäten, die du so alle vor dich treibst, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass es da noch viel Freiraum für Privatleben gibt. Gibt es da Momente, in denen du ganz für dich alleine bist?
Orlinski
Jeden Morgen. Wir wohnen im dritten Stockwerk und zum Innenhof habe ich eine riesige Kastanie und eine Linde und noch ganz viele Bäume. Und ich sitze sozusagen gefühlt in den Kronen. Und jeden Morgen trinke ich da meinen Kaffee und meditiere da so ein wenig und dann starte ich erst in den Tag. Und da bin ich dann auch so gerüstet und gestärkt und geerdet.
Thomé
Das klingt gut. Aber du hattest mir auch mal erzählt, dass es da noch einen Ferdinand gibt, der eine große Rolle in deinem Leben spielt. Was hat es damit auf sich?
Orlinski
Ja, das ist die zweite große Liebe in meinem Leben. Das ist mein VW-Bus. Ich fahre jetzt da herum und bin zum ersten Mal mit mir alleine und Zeit für mich. Also das kannte ich bis dato auch nicht.
Thomé
Welche Orte hast du denn alle schon mit Ferdinand entdeckt und was steht noch auf der Liste?
Orlinski
Ja, also ganz Frankreich bis nach Nordspanien, das war bis nach San Sebastián, das war wirklich wunderschön. Also an der Atlantikküste entlang jetzt Deutschland, also fast jedes Wochenende sind wir hier tatsächlich im Saarland unterwegs. Da gibt es auch wunderschöne Orte, also eine halbe Stunde von daheim oder in die Pfalz. Und dann nur eine Nacht woanders und im Ferdi schlafen, da ist man wieder ein neuer Mensch.
Thomé
Ist denn die nächste Tour schon geplant?
Orlinski
Die war erst letzte Woche. Also die nächste bisher nicht, aber wie zuvor erwähnt, sobald das Wetter zulässt, sind wir jedes Wochenende unterwegs.
Thomé
Hast du eigentlich mal daran gedacht, eine Autobiografie zu schreiben über all das Erlebte?
Orlinski
Das wäre ein dickes Buch geworden oder mehr Teile. Ja, also ich habe öfters überlegt, irgendwie was zu publizieren. Aber ich tue mir tatsächlich mit Büchern schwer. Also, es gibt ja viele spirituelle Bücher. Und da aus meiner Sicht, also viele Menschen kommen zu mir, wenn sie an so einem Lebensabschnitt sind, vom Mann weg, von Frau weg, vom Job weg oder sonst was weg. Und dann kommen die zu mir und ich habe das gelesen und das gelesen. Und ich sage dann immer: “fang an zu fühlen”, weil die Bücher, die man liest, da sind die Eindrücke oder das Leben der anderen, die es geschrieben haben.
Und das übernimmt man irgendwie so, also wie mit allen Medien, ob man Fernsehen guckt oder sonst was, aber dass man das eigene Ich spürt und zuerst mal erkennt, wer bin ich überhaupt, bevor ich mir da irgendwie so einen Mantel von jemand anderem anziehe. Deshalb, glaube ich, Bücher mache ich nicht. Vielleicht ein lustiges Kinderbuch.
Thomé
Annette, kurze Frage noch zum Schluss. Wenn du heute noch einmal die Annette von vor 20 Jahren treffen würdest, was würdest du ihr mit auf den Weg geben?
Orlinski
Also eigentlich nichts. Sie hat eigentlich alles richtig gemacht und ich sage ja, die Stolpersteine sind die Trittsteine, die uns weiterbringen, und wir haben immer eine Entscheidung. Also ich stehe schon morgens aus dem Bett auf und entscheide mich. Ich begrüße die Wunder des Tages. Das seid ihr heute Morgen für mich schon mal. Viele Wunder werden noch kommen.
Und ich entscheide mich bewusst morgens. Der Tag wird toll. Und da freue ich mich auch, wenn ein Schmetterling an dem Fenster vorbeiläuft und sagt, ja, noch einmal ein Wunder.
Thomé
Annette, ganz herzlichen Dank für deinen Besuch. Das hat großen Spaß gemacht. Und alles Gute für dich.
Orlinski
Ebenso, danke.
Ja, ich freue mich heute sehr, einen ganz besonderen Gast in meinem Podcast grüßen zu dürfen und ich muss vorwegschicken, dass ich wirklich selten einen Menschen erlebt habe, der auf einem solch hohen Energielevel unterwegs ist, mit so viel kreativer Power, mit immer neuen Ideen, einem vorbildlichen sozialen Engagement und einem riesengroßen Herz für bedürftige und benachteiligte Menschen. Und all das verbunden mit einer tollen, positiven Ausstrahlung. Annette Orlinski ist kaum in ein, zwei Sätzen zu beschreiben, denn sie ist ein Multitalent. Künstlerin, Designerin, Galeristin, sie bringt Kulturen zusammen, leitet integrative Jugendprojekte, ist Kunsttherapeutin mit schwerstbehinderten Menschen. Sie hat immer zahlreiche Design- und Kunstprojekte am Laufen, gibt Motivations- und Teambildungskurse in Unternehmen und ist unter anderem auch Coach für persönliche Lebensberatung aller Art. Heute bei mir zu Gast die wunderbare Annette Orlinski. Herzlich willkommen zum Deep Dive Wirtschaft.
Orlinski:
Ja, vielen Dank, Frank. Ich freue mich auch sehr, dass ich hier dabei bin. Und ja, da kann man noch ein bisschen ergänzen, was du dazu gesagt hast. Aber ja, es ist viel passiert in meiner Lebenszeit.
Thomé
Wenn du dich in einem kurzen Satz beschreiben solltest, was du beruflich machst, was würdest du sagen?
Orlinski:
Ja, ich sage immer, ich bin eine Freiraummacherin. Also ich schaffe Freiräume in den Köpfen, in den Räumen tatsächlich und vor allem auch kreative Räume.
Thomé
Du betreibst ja auch eine eigene Werkstatt mit dem Namen Kokon, ein kleiner Freiraum. Du hast dich ja gerade auch als Freiraummacherin beschrieben. Was verstehst du genau unter einem Kokon? Was bedeutet das für dich? Was ist ein Freiraum?
Orlinski
Also das mit dem Kokon, das war ja vor circa zehn Jahren gewesen, wo ich einen Pro-Job gemacht habe, den ich machen musste. Und da bin ich wirklich so an meine Grenzen gekommen, war auch Teamleiterin als Visual Merchandiserin in einem großen Oberbekleidungsunternehmen und musste mich da an Regeln halten, wo ich dachte, oh Gott, also das hat mit Kreativität so gar nichts zu tun. Und hab dann, da gab es so eine Situation, da kam jemand mit 30 Figuren und auf der letzten Figur war dann irgendwie der Kragen von der einen Jacke nicht so, wie es vorgeschrieben war. Und im wahrsten Sinne, da ist mir der Kragen auch geplatzt und hab gesagt, ihr könnt euren Quatsch selbst machen, hab gekündigt, und habe dann im gleichen Atemzug in Saarbrücken in der Franz-Josef-Röder-Straße dieses Eckräumchen gemietet und habe mich da selbst durch Kreativität geheilt. Also ich habe gemalt, ich habe gestrickt, ich habe was auch immer gemacht und der Raum hat so eine kleine Terrasse und da habe ich draußen gesessen und habe gestrickt und der Nachbar kommt vorbei und sagt zu mir, “Annette, strickst du dir deine Kunden?” Und in dem Moment dachte ich, da muss etwas gehen. Und die große Werkstatt hatte ich ja schon und da bin ich schnell hingerannt, habe ein kurzes Konzept, also alles an einem Tag geschrieben, habe einen Bekannten angerufen, habe gesagt, hör mal, ich habe da eine Idee, was hältst du davon? “Ja, finde ich super” und die Idee war geboren, also in diesem kleinen Raum habe ich mich geschützt gefühlt.
Das war mein Freiraum, mein Heilraum, mein Entwicklungsraum, mein Schutzraum und das hat sich angefühlt wie ein Kokon und das war wirklich die Idee an diesem Tag. Von wegen strickst du dir deine Kunden. Und der Bekannte hat dann seinem Bekannten von mir erzählt. Und der war damals Leiter alle Caritas Senioreneinrichtungen. Und dieser Leiter stand dann Woche später bei mir, hat mit mir gestrickt und hat sich das Konzept angehört. Und da begann die Reise, da habe ich alle Caritas von Kita bis Senioreneinrichtungen begleitet, mit Kokons. Also wir haben Kokons gebaut, die in die Bäume gepflanzt sozusagen. Und die Kinder, die haben ja mit der Raupe Nimmersatt zu tun gehabt. Die Jugendlichen, im Kokon, die sich fragen ”bin ich eine Raupe, bin ich ein Schmetterling?”
Und die Senioren haben erzählt, dass sie während des Zweiten Weltkriegs als Kinder und auch Erwachsene Seidenraupen-Kokons gezüchtet haben für die Fallschirme. Und so war das wirklich, der Bogen von Kind bis zum Senior war alles abgedeckt mit diesem Kokon. Und seitdem ist es wirklich so, dass es klar wurde, dass es ein Schmuckstück geben wird. Das ist ja das Amulett. Es wird eine Kokonfabrik geben, es gibt eine Werkstatt und viele andere Dinge, die im Kokon wirklich verbunden sind.
Thomé
Ich werde gleich nochmal darauf eingehen, auch was du mit diesem Schutzraum, mit diesem Freiraum machst, selbst, aber auch was er anderen gibt. Erst noch einmal einen kurzen Schritt zurück. Du bist wahnsinnig kreativ. Du sprudelst voller Ideen und Tatendrang. Wann hast du eigentlich für dich gemerkt, dass du eine besonders ausgeprägte künstlerische Ader hast? Wann ging das los?
Orlinski
Also seitdem ich mich erinnern kann. Also, ich habe als Kind nie mit Puppen gespielt. Entweder habe ich Fußball gespielt, die Knie sind immer aufgeschlagen oder das glücklichste Kind war ich mit Stift und Papier. Und ich komme ja aus Oberschlesien, aus Polen. Stifte und Papier, das war ja nicht normal. Man geht nicht einfach mal in den Laden und kauft das mal. Und da gab es ja, jeder hat da so irgendwie Verwandte in Deutschland gehabt. Und dann kamen die Polenpäckchen, und als ich dann wirklich so ein Schulmäppchen mit Stiften bekam, da war ich ja wirklich im Himmel. Und es war schon immer klar, dass ich irgendwas mit Kunst machen werde, also irgendeinen Weg würde da in Kunst führen. Und das Glück war ja, dass wir nach Deutschland eingewandert sind. Das war tatsächlich vor 35 Jahren gewesen. Und die Dinge nahmen ihren Lauf. Also in der Schule hatte ich einen tollen Lehrer, der mich dann in eine Malschule gebracht hat und Studium und so weiter und so fort.
Thomé
Du hast dann eine Ausbildung gemacht als Bauzeichnerin. Bist auch studierte Kommunikationsdesignerin. War die Berufswahl für dich immer klar oder ist sie dir bei den zahlreichen Interessen eher schwergefallen?
Orlinski
Also das mit der Bauzeichenausbildung war ja ein Zwischenstopp, weil ich mich an der HBK nach meinem Fachabitur Richtung Design beworben habe und da habe ich im Nachhinein -Gott sei Dank- nicht direkt einen Studienplatz bekommen und dann war ich so wieder mal in so einer Schwebe und was mache ich und das war ganz kurzfristig, da war eine Stelle frei und habe ich mich beworben und bin dann auf Baustellen und habe dann mit den Handwerkern Häuser gestaltet.
Thomé
Du hast eben gesagt, es ist jetzt ziemlich genau 35 Jahre her, dass du mit deinen Eltern damals hier nach Deutschland gekommen bist und dann auch direkt ins wunderschöne Saarland. Wieso habt ihr das schöne Saarland für euch ausgesucht?
Orlinski
Ja, also mein Großvater, also der Vater meines Vaters, war deutscher Soldat gewesen und der war hier in Nalbach stationiert. Und Oberschlesien ist ja bekannt für Kohleabbau und das Saarland ja auch. Und das war ja auch so, damals Oberschlesien war nicht Polen, war nicht Deutschland und hier das Saarland war nicht Frankreich und war nicht Deutschland. Und die Mentalität, der Humor, das Essen, also mein Großvater hat immer geschwärmt vom Saarland, weil er sich hier so wohlgefühlt. Und wirklich, er war in Bremerhaven, Hamburg und Saarland und da hat mein Vater wirklich sich direkt ins Saarland entschieden und da waren wir auch vorerst ein Jahr im Lager Lebach gewesen und dann ging die Reise weiter.
Thomé
Und nach 35 Jahren, was bedeutet das Saarland für dich? Gibt es so was wie Heimat?
Orlinski
Also ich sage ja, Heimat ist dort, wo mein Herz ist. Also ich fühle mich hier wohl und ich bin hier sehr, sehr dankbar, dass die Wege so kurz sind. Dass wir auch hier heute sitzen, weil ich glaube, so in anderen Bundesländern ist es schwierig, in dieser Konstellation sich zusammenzutun.
Thomé
Annette, mich würde es mal sehr interessieren, was Kunst für dich bedeutet, was du mit deiner Kunst eigentlich erreichen möchtest. Und ich frage das, weil ich auch schon mit anderen Künstlern gesprochen habe, denen es im Grunde zum Teil nur um sich selbst geht. Aber bei dir hingegen habe ich das Gefühl, du möchtest andere in vielfältiger Weise glücklich machen.
Orlinski
Ja, also ich habe mit der eigenen Kunst angefangen. Das war, glaube ich, 2006 gewesen. Da wurde ich von dem Saarbrücker Zuwanderungsbüro gefragt, weil ich ja in dem integrativen Bereich unterwegs war. Sie fragten “Willst du eine Ausstellung machen?”. Und bis dato hatte ich ja nur so für mich mal Kunst gemacht. Und da habe ich im Studium wieder den Scherenschnitt für mich entdeckt. Das hat wirklich eine große Tradition in Polen. Das habe ich dann als eigene Technik noch mit Stickerei und Zeichnung ergänzt, habe viele Ausstellungen gemacht. Und dann dachte ich, mein Talent ist zu teilen. Und durch diese Kokon-Geschichte und durch diesen Zugang zu Menschen, also von Kindern wirklich bis zu Hospiz und Trauerarbeit, sind auch Schwerstbehinderte dabei. Da ist der Sinn für mich, für die Kunst. Also einfach mein Wissen und mich zu teilen und meine Kunst. Ich meine, ich habe viele Kataloge, viele Zeitungen, viele Fernsehradioauftritte gehabt, aber das bringt mir persönlich nichts, weil ja, davon kann man sich nichts kaufen und so kann man noch die Menschen mitnehmen und auch wirklich berühren.
Thomé
Jetzt durfte ich ja deine Werkstatt auch schon selbst erleben und kann sagen, das ist ein ganz besonderer Ort. Kunstwerkstatt, Modeatelier, Ausstellungsraum, Treffpunkt auch für Workshops, für andere auch Begegnungs-, Gesprächsformate. Und ich hatte bei dir wirklich den Eindruck, du schließt die Tür hinter dir und bist in einer Art anderen Welt und die Welt da draußen, die bleibt auch draußen. Ich glaube, das ist kein Zufall, oder?
Orlinski
Nein, also ich hatte jetzt am Mittwoch eine Veranstaltung mit mehreren Menschen, so über zwei Stunden und wir waren da wirklich in diesem Kokon, also es fühlt sich wirklich wie ein Kokon auf einer Insel und die sind dann vor die Tür raus und wirklich so, oh, was ist denn das? Also da ist wirklich wie so eine Wand zu der realen Welt, sag ich mal, weil in dem Kokon darf und soll jeder so sein, wie er ist.
Thomé
Und wenn du sagst, “jeder”, du hast es ja eben auch schon mal mit deiner integrativen Arbeit, auch Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen angedeutet und ich habe in einem anderen Zusammenhang mal über dich gelesen, dass du auch im Rahmen all deiner Projekte deutlich über 50.000 Menschen gesehen, begleitet hast. Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl, und ich selbst bin zutiefst beeindruckt von deiner Variabilität, von deiner künstlerischen Bandbreite, weil bei diesen 50.000 sind ja im Grunde alle dabei. Du hast, glaube ich, selbst mal gesagt, von der Kita bis zum Hospiz. Woher nimmst du die Energie, die dafür nötig ist?
Orlinski
Also ich habe irgendwann mal aufgehört, Konzepte zu schreiben. Also ich schreibe Konzepte, das ist eine DIN A4-Seite, ein bisschen Text, viel Bild und die Energie. Also ich gehe irgendwo hin und mache mir vorher keine Gedanken, weil wenn ich mir vorher Gedanken mache und da hinkomme, das durfte ich lernen, ist ohnehin alles anders, als ich mir das vorher vorgestellt habe. Und deshalb bin ich immer im Jetzt präsent und schwinge mich sozusagen an die jeweilige Situation und die Menschen ein und die Energie, das ist ein Austausch. Also das ist ja ein Geben und Geben, sage ich. Und ja, es trägt sich irgendwie von allein.
Thomé
Jetzt würde ich da gerne noch einmal nachhaken. Wie würdest du sagen, schaffst du es, dass sich Menschen wirklich in allen Lebensphasen, und wir sprechen ja hier auch von Phasen der Trauer, also von Tod, von Schicksalen, unheilbaren Krankheiten, wie schaffst du es, dass dir die Menschen in allen Phasen vertrauen und sich dir gegenüber öffnen, sich da voll auf dich einlassen?
Orlinski
Ja, ich glaube, das ist so meine Superkraft. Also, es war wirklich im Urlaub, wir waren auf so einem Fest gewesen und da kommt ein Mann auf mich zu. Und das Erste, was er zu mir sagt, “hilf meiner Frau“. Aus dem Nichts. Und ich sagte, “was ist denn da los?” Und da hat er so ein wenig erzählt. Und in dem Moment kommt die Frau auf mich zu und erzählt mir ihre Geschichte. Und dann bekomme ich irgendwie Impulse von wo auch immer. Und dann weiß ich, in zwei Sätzen sage ich was. Und die Tränen fließen und das Thema ist erledigt. Also ich kann es nicht erklären, das ist irgendwie so eine “Superkraft”.
Thomé
Du bist ja bereits seit einiger Zeit selbstständig, hast aber deine kreative Arbeit, ich glaube bis 2018, eher nebenberuflich ausgeübt. Du hast ja eben gesagt, du hast auch hauptberuflich andere Tätigkeiten gemacht. Wie hast du es geschafft, in dieser Zeit Beruf und Nebenberuf über so lange Zeit zu vereinbaren und da einen Hut zu bringen? Du bist ja auch gependelt in dieser Zeit, wie ich das in Erinnerung habe.
Orlinski
Genau, also ich war in Kaiserslautern auch gewesen und habe in der Zeit unheimlich viele Projekte auch gemacht, auch mit dem Zuwanderungsbüro ein Buch geschrieben, und gestaltet und das war alles in der Zeit, jetzt war ich auch viel jünger, da hat man auch irgendwie viel mehr Energie und hat man sich nicht so viele Gedanken drüber gemacht, ja, wie mache ich das denn, sondern ich habe es einfach gemacht.
Thomé
Wann hast du gemerkt, so geht es nicht weiter? War es dann letztlich eine leichte Entscheidung für dich, deinen damaligen Hauptberuf aufzugeben oder ist dir das auch schwergefallen?
Orlinski
Also ich habe diesen Beruf damals stundenweise bis auf, ich glaube, 15 Stunden runter reduziert und dann kamen wirklich immer mehr Projekte. Also auch so in der Schwerstbehinderteneinrichtung war ich sechs Jahre lang jeden Mittwoch und es kamen so regelmäßige Dinge, wo ich jeden Tag irgendwo über Jahre drin war und da gab es die Zeit einfach nicht mehr und auch nicht die Lust vor allem, irgendeinen Quatsch zu machen, nur wirklich nur sinnvoll unterwegs zu sein.
Thomé
Also bist du deinem Herz gefolgt, konntest sozusagen deine Kreativität dann auch als Selbstständige voll ausleben. Aber dann kam ja zwei Jahre später Corona im Grunde voll auch von der Seite reingegrätscht, weil man kann ja sagen, dein Geschäftsmodell, das lebt ja quasi vom Kontakt mit anderen Menschen, aber das war ja dann von heute auf morgen nicht mehr möglich. Wie war das für dich?
Orlinski
Also ich muss sagen, vor Corona war es so, dass ich mit etwa 500 Menschen pro Woche zu tun hatte, also neun soziokulturelle Projekte, das heißt morgens Kita, mittags Obdachlose, abends schwerstbehinderte und 60 Personen zum Malkurs pro Woche in der Werkstatt. Das war finanziell exorbitant, war super. Die Corona-Zeit hat vielleicht mir das Leben gerettet, weil, wenn das weiter in dem Tempo gegangen wäre, würde ich hier wahrscheinlich nicht mehr so sitzen.
Thomé
Wow, das ist ja auch eine Reflexion.
Orlinski
Absolut.
Thomé
Hattest du, wenn ich jetzt mal so direkt fragen darf, in der Zeit des Lockdowns auch mal wirtschaftliche Sorgen?
Orlinski
Eigentlich nicht. Also dadurch, dass ich ja so Gas gegeben und habe wirklich eine tolle Steuerberaterin.. Und die hat mich da wirklich tatvoll unterstützt mit den ganzen Hilfen, weil sonst allein wüsste ich das alles nicht, was möglich war. Ja, aber dann, bis vor Kurzem ist mir klar geworden, dass so diese soziokulturellen Projekte, so wie ich sie kannte, das wird nie wieder so kommen, weil einfach das Geld bei den Trägern nicht mehr so da ist.
Thomé
Ja, ich meine, das interessiert mich natürlich als Mann der Wirtschaft natürlich: Man muss am Ende des Tages auch Geld verdienen. Da würde ich mir schon die Frage stellen ist es mit diesen sozialen Projekten machbar, kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Kliniken, andere soziale Einrichtungen in diesen herausfordernden Zeiten und die Krankenhauslandschaft, die konsolidiert sich gerade, Gesundheitswesen ist völlig unterfinanziert, dass sie ihre Budgets für solche Projekte, streichen oder weit zurückstellen, ist das so?
Orlinski
Absolut, ja, also da musste ich irgendwann mal wirklich für mich überlegen, was ist das noch? Weil am alten Festhalten ist ohnehin nicht so meine Natur. Ich bin da immer sehr flexibel. Ich gehe immer mit dem Fluss des Lebens. Weil mein Sprung ist ja wirklich jetzt diesen Spagat zu schaffen von der Künstlerin in die Wirtschaft und da mal die Freiräume in den Köpfen erschaffen, um einfach neue Perspektiven auf die eigene Welt, auf die Firmenwelt, die da draußen sich stets verändert und das ist gar nicht so einfach Ich denke, meine Schwäche ist wirklich so Ungeduld. Ich überlege mir was und will das sofort. Für mich ist das Ganze klar und ich sehe das Ganze groß. Nur die anderen kommen da oft nicht mit. Und diese Geduld, das ist wirklich so mein Thema, das mich ständig begleitet.
Thomé
Ja, jetzt weiß ich auch, dass zu deinem sozialen Engagement auch gehört, dass du größere Teile deines Umsatzes auch für gemeinnützige Initiativen spendest. Welche unterstützt du denn gerade so?
Orlinski
Die saarländische Krebsgesellschaft, das Projekt Regenbogen. Also ich habe ja ein Konzept entwickelt von einem Kunstprojekt, das heißt Kunst im Werk. Und es geht um Nachhaltigkeit, Firmenkultur und soziales Engagement. Und da gehe ich in die Firmen, das ist noch im Wachsen, aber ich hoffe, dass das jetzt wirklich mal in die Puschen kommt. Wir gestalten Wandreliefs aus Ausschussmaterialien, da kann alles dabei sein und da ist wirklich von der Reinigungskraft bis zum obersten Chef jeder dabei, also als Teambildung.
Thomé
Ah ja, und wenn du sagst, Ausschuss, also das, was individuell in einer Firma, in einem Unternehmen sozusagen nicht mehr gebraucht wird.
Orlinski
Genau. Das kann immer was anderes sein. Ich habe im Studium wirklich alle möglichen Jobs gemacht, unter anderem auch am Fließband. und das war wirklich verrückt, weil es so viel Ausschuss gab. Und das war, glaube ich, Anfang 2000, wo ich den Job gemacht habe. Und da dachte ich, was passiert denn damit? Und da habe ich dann auch gefragt und dann sagen sie, das schmeißt man dann weg. Das kann ja nicht sein. Und die Idee ist damals schon geboren worden. Ich habe immer noch auf den Moment gewartet, wann die Welt auch bereit ist, vor allem ich bereit bin, damit herauszugehen. Also das Unternehmen entscheidet, wie viel Geld in dieses Projekt investiert werden kann. Die einzige Voraussetzung ist, es muss durch drei teilbar sein, weil ein Drittel sofort als Spende von dem Unternehmen an das Projekt Regenbogen geht und ich bekomme dann zwei Drittel und davon die Hälfte spende ich Zeit in Begleitung von betroffenen Familien.
Thomé
Wow, das ist toll. Und das Unternehmen, das du da schon begleitet hast mit Kunst am Werk, wie ist das da abgelaufen? Sind die auf dich zugekommen oder hast du sie irgendwie angesprochen?
Orlinski
Ja, also so ein Freund, der ist Fliesenlegermeister und da habe ich den einfach gefragt, weil er wirklich sehr offen immer ist für meine Projekte und da habe ich gesagt, ja klar, hier hast du Stapel Fliesen, haut die klein, haut das an die Wand und das war wirklich ein tolles Projekt und die Zeitspende haben wir schon umgewandelt in eine Eselswanderung mit den Kindern und den Familien krebskranker Eltern, wo wir Esel vor Ort gemalt haben. Und einfach einen tollen Vormittag verbracht haben.
Thomé
Ja, eine ganz tolle Initiative, sehr unterstützenswert. Und ich merke auch, wenn ich bei dir in den Kokon komme, du kannst, glaube ich, auch mit allen Materialien arbeiten.
Orlinski
Also alles, was ich in die Finger bekomme. Genau, und wir haben uns da auch kennengelernt, an dem Jubiläum der Saarländischen Krebsgesellschaft.
Thomé
Ja, das stimmt. Was mich noch so interessiert, und ich habe ja jetzt schon mehrfach gesagt, sehr beeindruckt, wie du mit Menschen, die in ganz schwierigen Phasen ihres Lebens auch stehen, umgehst. Was macht das eigentlich mit dir? Du betreibst ja die Dinge, die du machst, auch mit großer Leidenschaft und wenn man Dinge mit Leidenschaft macht, ist man ja auch irgendwo offenporig. Das schüttelt man nicht einfach in den Klamotten ab, das geht ja auch in einen rein. Wie verarbeitest du das,
was du erlebst?
Orlinski
Also dadurch, dass ich immer im Moment bin und der Mensch in dem Moment, an dem Punkt steht, wo er steht, ist nur dieser Moment klar. Also nicht, was vorher war, was nachher kommt, sondern wir arbeiten wirklich jetzt. Und wenn ich rausgehe, dann ist es für mich erledigt. Also, ich nehme auch nichts mit. Ich habe wirklich viele Dinge gesehen. Aber dann muss ich mich manchmal selbst wundern, wie ich das mache. Also ich gehe raus und dann gehe ich irgendwo einen Kaffee trinken und dann für mich allein oder umarmen einen Baum und dann ist es wieder gut.
Thomé
Ja und wir hatten eben schon mal kurz das Bild der Batterie. Du hast gesagt, es ist so ein wenig auf Gegenseitigkeit, weil klar, wenn man mit Energie, mit Leidenschaft Dinge verfolgt, dann fließt der Energie irgendwo auch ab. Aber die Akkus müssen ja auch wieder aufgeladen werden. Was gibt dir ganz persönlich wieder Kraft?
Orlinski
Also wirklich der Aufenthalt in der Natur. In den Wald gehen, also ich habe überall Pflanzen in der Werkstatt, das ist ja auch eine grüne Oase, man kommt rein und es ist im Dschungel. Und da habe ich auch den, also dank Corona, hatte ich Zeit und habe da auch den Innenhof begrünen dürfen von meinen Vermietern. Und da tanke ich immer. Also ich setze mich vor eine Pflanze und schaue die einfach nur an.
Thomé
Annette, du hast so vielen Menschen mit dem, was du tust, vieles gegeben. Und ich durfte es ja auch selbst schon erleben. Ich halte es für eine wirkliche Gabe, wie du den Zugang zu Menschen bekommst und habe auch ein wenig das Gefühl, wir alle, wir erarbeiten uns ja so im Laufe unserer Jahre, auch des Berufslebens, eine gewisse Art Ritterrüstung um uns herum. Und ich habe bei dir auch gemerkt, nach den ersten ein, zwei Sätzen, das ist im Grunde weg und das ist eine andere Ebene, auf der man sich unterhält. Wie nimmst du selbst wahr, dass du da eine Gabe hast?
Orlinski
Also ich nenne es nicht Gabe, weil das uns allen angeboren ist. Nur ich habe es trainiert. Das ist wirklich wie ein Muskel. Und unsere Eltern, also wir bringen ja schon über Generationen Themen mit rein. Wir werden geboren und haben den Film, der da schon lange gelaufen ist. Und entweder laufen wir den Film selbst mit oder brechen aus, so wie ich, und machen einen eigenen Film. Und dann kommt man in den Kindergarten, dann darf man das nicht, dann kommt man in die Schule, dann muss man einen Quatsch lernen, was einen nicht interessiert. Und ich finde, da muss man auch noch einmal hin, die Schulen oder das Bildungssystem, dass die Kinder interessenbezogen lernen. Natürlich ist “Einmaleins“ wichtig und Deutsch schreiben und verschiedene Sprachen. Aber es ist auch notwendig, die Intuition und die Empathie zu schulen. Und ich finde in der Corona-Zeit, ich meine, als die Babys ihre Eltern mit ihren Masken nicht erkannt haben…
Also das war wirklich ein Eingriff gewesen, wo man diesen Schutz auch sichtbar gesehen hat. Aber wir haben den alle. Wir machen eine Ausbildung, wir machen ein Studium, wir müssen funktionieren. Unser Ego wird immer größer, weil wir müssen immer leisten und zeigen. Und ich finde auch Social Media mittlerweile für mich total anstrengend, weil alle Bilder sehen irgendwie gleich aus. Also es ist alles wie so ein Filter darüber. Aber die Dinge, wie ich Menschen wahrnehme, es ist pur. Also ich sage ja, ich unterhalte mich mit der Seele und nicht mit dem Gehirn. Und da entstehen, also ich bekomme dann immer so einen Impuls. Ich merke, dass ich auf dieser Ebene mit den Menschen
reden kann.
Thomé
Fällt es dir bei manchen Menschen einfacher, mit denen, ich nehme jetzt mal deine Worte auf, mit der Seele zu kommunizieren, als bei anderen, wo du sagst, da stehen noch ein paar Dinge im Weg, die man da erst mal zur Seite räumen muss?
Orlinski
Ja, da gehe ich dem aus dem Weg zum eigenen Schutz, weil das ja auch noch einmal ein Energieausgleich in jeder Begegnung ist. Und ihr kennt das ja auch, wenn man in einen Raum kommt und irgendwie das Gefühl hat, ach, hier ist irgendwie etwas komisch. Und da kommt jemand rein und lacht und so geht es meinem Mann und mir, wenn wir auf Partys kommen, denn dann geht es ab. Also die Leute laden uns auf Partys ein, damit die Party läuft.
Thomé
Jetzt hast du eben ein bisschen was über Sozialisierung gesagt, im Kita-System, im Schulsystem, so auch wie wir von den Eltern erzogen wurden und auch Krisen, die von links und rechts kommen. Ich glaube auch, das macht was auch mit der Empathie und mit unserer Empathiefähigkeit. Die ist ja bei dir offenbar sehr ausgeprägt. Warum würdest du sagen, ist das bei dir so und du bist eben nicht verstellt worden durch alles, was wir so als Sozialisierung bezeichnen?
Orlinski
Ich kann einfach mit Menschen nicht in einem Raum sein, die eine Maske tragen oder einen Schutzmantel oder ein Panzer oder wie du eben gesagt hast, eine Rüstung, weil ich sehe sie ohne Rüstung und das ist für mich halt sehr anstrengend, diesen Abstand zwischen Rüstung und dem “wahren ich” zu ertragen.
Thomé
Und wie war es bei dir als Kind? Gibt es da besondere Erlebnisse, wo du sagst, die haben dich vielleicht auch geprägt, das für dich zu bewahren?
Orlinski
Ja, also, wer Kinder hat, kennt das ja, das Kind sagt, da ist was unter dem Bett oder da ist was im Schrank oder da ist was in der Ecke. Und dann sagen die Eltern: “da ist nichts, guck mal, Licht an, da ist nichts“. Vielleicht so als Tipp, wenn ihr das nächste Mal ein Baby seht und euch das Baby anguckt. Schaut mal dem Baby in die Augen: das Baby sieht Farben. Jeder von uns leuchtet in Regenbogenfarben und das Kind lacht und freut sich. Das ist genauso bei schwerstbehinderten Menschen. Die merken sofort, wenn die Energie gut ist. Und sobald jemand mit so einer komischen Schwingung hereingeht, sind die wie ein Barometer, die explodieren. Und ich sage wirklich, wenn die Unternehmen clever wären und sich solche besonderen Menschen da auch ins Team nehmen würden, zu Vorstellungsgesprächen oder sonst was, da weißt du direkt Bescheid, wen du dir dareinnimmst.
Thomé
Bist du da auch mit Unternehmen im Gespräch und berätst auch beispielsweise im Bereich von Diversität, wie man Teams zusammenstellt?
Orlinski
Ja, ich versuche es, aber wirklich im Moment ist es etwas schwierig, diesen Bogen zu spannen. Ja, die Künstlerin, die macht ja so komische Sachen mit Kokons und weiß man nicht. Und da die Unternehmen, also wenn ich da anrufe oder Kaltakquise mache und sage, das und das habe ich vor, verstehen die es einfach nicht. Und deshalb habe ich jetzt für mich ein Format gefunden, Menschen zu mir in die Werkstatt einzuladen, damit die einfach mal sehen wie es funktioniert. Also das ist total magisch, sobald man bei mir durch die Tür geht, da ist auch so ein Vorhang und dann tritt man in eine andere Welt.
Thomé
Das kann ich bestätigen und kann auch jedem nur empfehlen, Annette Orlinski mal im Kokon zu besuchen. Annette, bei all den Aktivitäten, die du so alle vor dich treibst, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass es da noch viel Freiraum für Privatleben gibt. Gibt es da Momente, in denen du ganz für dich alleine bist?
Orlinski
Jeden Morgen. Wir wohnen im dritten Stockwerk und zum Innenhof habe ich eine riesige Kastanie und eine Linde und noch ganz viele Bäume. Und ich sitze sozusagen gefühlt in den Kronen. Und jeden Morgen trinke ich da meinen Kaffee und meditiere da so ein wenig und dann starte ich erst in den Tag. Und da bin ich dann auch so gerüstet und gestärkt und geerdet.
Thomé
Das klingt gut. Aber du hattest mir auch mal erzählt, dass es da noch einen Ferdinand gibt, der eine große Rolle in deinem Leben spielt. Was hat es damit auf sich?
Orlinski
Ja, das ist die zweite große Liebe in meinem Leben. Das ist mein VW-Bus. Ich fahre jetzt da herum und bin zum ersten Mal mit mir alleine und Zeit für mich. Also das kannte ich bis dato auch nicht.
Thomé
Welche Orte hast du denn alle schon mit Ferdinand entdeckt und was steht noch auf der Liste?
Orlinski
Ja, also ganz Frankreich bis nach Nordspanien, das war bis nach San Sebastián, das war wirklich wunderschön. Also an der Atlantikküste entlang jetzt Deutschland, also fast jedes Wochenende sind wir hier tatsächlich im Saarland unterwegs. Da gibt es auch wunderschöne Orte, also eine halbe Stunde von daheim oder in die Pfalz. Und dann nur eine Nacht woanders und im Ferdi schlafen, da ist man wieder ein neuer Mensch.
Thomé
Ist denn die nächste Tour schon geplant?
Orlinski
Die war erst letzte Woche. Also die nächste bisher nicht, aber wie zuvor erwähnt, sobald das Wetter zulässt, sind wir jedes Wochenende unterwegs.
Thomé
Hast du eigentlich mal daran gedacht, eine Autobiografie zu schreiben über all das Erlebte?
Orlinski
Das wäre ein dickes Buch geworden oder mehr Teile. Ja, also ich habe öfters überlegt, irgendwie was zu publizieren. Aber ich tue mir tatsächlich mit Büchern schwer. Also, es gibt ja viele spirituelle Bücher. Und da aus meiner Sicht, also viele Menschen kommen zu mir, wenn sie an so einem Lebensabschnitt sind, vom Mann weg, von Frau weg, vom Job weg oder sonst was weg. Und dann kommen die zu mir und ich habe das gelesen und das gelesen. Und ich sage dann immer: “fang an zu fühlen”, weil die Bücher, die man liest, da sind die Eindrücke oder das Leben der anderen, die es geschrieben haben.
Und das übernimmt man irgendwie so, also wie mit allen Medien, ob man Fernsehen guckt oder sonst was, aber dass man das eigene Ich spürt und zuerst mal erkennt, wer bin ich überhaupt, bevor ich mir da irgendwie so einen Mantel von jemand anderem anziehe. Deshalb, glaube ich, Bücher mache ich nicht. Vielleicht ein lustiges Kinderbuch.
Thomé
Annette, kurze Frage noch zum Schluss. Wenn du heute noch einmal die Annette von vor 20 Jahren treffen würdest, was würdest du ihr mit auf den Weg geben?
Orlinski
Also eigentlich nichts. Sie hat eigentlich alles richtig gemacht und ich sage ja, die Stolpersteine sind die Trittsteine, die uns weiterbringen, und wir haben immer eine Entscheidung. Also ich stehe schon morgens aus dem Bett auf und entscheide mich. Ich begrüße die Wunder des Tages. Das seid ihr heute Morgen für mich schon mal. Viele Wunder werden noch kommen.
Und ich entscheide mich bewusst morgens. Der Tag wird toll. Und da freue ich mich auch, wenn ein Schmetterling an dem Fenster vorbeiläuft und sagt, ja, noch einmal ein Wunder.
Thomé
Annette, ganz herzlichen Dank für deinen Besuch. Das hat großen Spaß gemacht. Und alles Gute für dich.
Orlinski
Ebenso, danke.