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 Motiv: © contrastwerkstatt - Fotolia.com

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01.11.2010

Absehbare "Überraschung" - Fachkräftemangel wird zur Normalität

Kolumne
Von IHK-Präsident Dr. Richard Weber


Wir sind wohl so programmiert: Auf plötzliche Veränderungen reagieren wir spontan und schnell, auf langsame nur verzögert und oft zu spät. Zahllose Beispiele ließen sich dafür anführen – eines davon ist ganz sicher unser Umgang mit der Demografie. Auch Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur vollziehen sich langsam und fast unmerklich. Dabei lassen sie sich mit großer Präzision über Jahrzehnte voraussagen. Wir wissen seit Langem, was auf uns zu kommt. Und dennoch – so scheint es – zeigen sich viele Bürger, Politiker und Unternehmer auf einmal von den lange absehbaren Konsequenzen überrascht. Paradebeispiel dafür ist der derzeitige Fachkräftemangel.

Die „Überraschung“ dürfte lange anhalten: Von diesem Jahr an verlassen im Saarland jedes Jahr weniger junge Menschen die Schulen. In zehn Jahren werden es fast ein Viertel weniger sein als heute. Das sind über 2.000 junge Menschen weniger, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen – eine bedrohliche Lücke, die uns in hohem Maße Wachstums- und Wohlstandschancen kosten wird.

Jetzt handeln!

An dem Befund ist nichts mehr zu ändern, an den Folgen schon. Jedenfalls dann, wenn wir umgehend von der Diagnose zur Therapie übergehen. Dabei stehen uns nur wenige Optionen zur Verfügung:
  • Die erste heißt: Besser ausbilden! Die IHK hat das schon sehr lange auf ihrer Agenda, erst kürzlich hat die Vollversammlung dazu noch einmal eine Resolution verabschiedet. Die Stichworte sind bekannt: Frühes Lernen schon im Kindergarten, mehr (echte) Ganztagsschulen, bessere Ausstattung gerade in den Grundschulen, verpflichtende Lehrerfortbildung, bessere Berufsorientierung …
  • Die zweite Option heißt Weiterbildung und lebenslanges Lernen. Hier geht es darum, Menschen, die bereits in Beschäftigung sind, die Möglichkeiten zu geben, möglichst berufsbegleitend Neues zu lernen und Versäumtes nachzuholen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Neu ist, dass es zunehmend im Interesse der Unternehmen liegt, die richtigen Angebote zu unterbreiten und ausreichende Anreize für eine Weiterqualifizierung zu setzen.
  • Die dritte Option heißt: Weniger Abwanderung, mehr Zuwanderung
    Noch immer ziehen aus dem Saarland Jahr für Jahr mehr arbeitsfähige Menschen wegb als zu. Auch die Bundesrepublik insgesamt ist – von vielen noch unbemerkt – zu einem Abwanderungsland geworden. Diesen Zug gilt es umzukehren. Indem wir objektiv besser werden – etwa durch mehr Familienfreundlichkeit, attraktivere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Und indem wir für ein besseres Ansehen „draußen“ sorgen – etwa durch ein systematisches Standortmarketing.
  • Und schließlich – nicht angenehm, aber unumgänglich: Länger arbeiten. Ein späterer Renteneintritt wird sich durchsetzen. Nicht nur aus finanziellen Zwängen oder um die Lasten zwischen Aktiven und Rentnern gerechter zu verteilen. Sondern auch, weil Wissen, Erfahrung und Arbeitskraft der Älteren künftig immer mehr gefragt sein werden. Und wahrscheinlich werden wir noch einige Schritte weiter gehen müssen, um die aktive Lebenszeit weiter zu erhöhen: Durch einen früheren Start ins Berufsleben und wohl auch durch längere Jahresarbeitszeiten
IHK ist dabei

Bei all diesen Punkten sind wir derzeit im intensiven Dialog mit der Landesregierung. Unser Ziel ist ein Pakt für Qualifizierung und Fachkräftesicherung, der auf einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens ruht. Mit Maßnahmen, die schnell begonnen und umgesetzt werden müssen. Auf vielen dieser Felder ist die IHK schon lange unterwegs. Mit Beratung, mit Initiativen, mit Aktionen. Alleine oder mit Partnern. Unser „Klinkenputzen“ in der dualen Ausbildung gehört dazu, unser Engagement in der Weiterbildung, unser Wettbewerb „Unternehmen Familie“ oder unsere Beteiligung an Projekten wie „ALS“, „AnschlussDirekt“, oder „Ü55“. Und weil wir schon einiges erreicht haben, wollen wir natürlich auch um qualifizierte Fachkräfte für unser Land werben und die gemeinsame Standortmarketingkampagne von Landesregierung und Wirtschaft fortführen.

Eines ist klar. Wir werden den Fachkräftemangel in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht verhindern können. Wir können allenfalls dafür sorgen, dass die Lücke ein wenig kleiner wird und dass die Folgen uns etwas weniger hart treffen. Das ist schon eine ganze Menge.