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01.06.2010

Das Saarland braucht qualifizierte Zuwanderung

Von Volker Giersch
Standpunkt


Das Saarland braucht qualifizierte ZuwanderungUnser Land ist seit gut einem Jahrfünft ein Abwanderungsland. Rund 8.000 Menschen sind seit 2004 mehr aus dem Land fortgezogen als zugewandert. Zusammen mit dem hohen Geburtendefizit hat das zur Folge, dass die Bevölkerung hierzulande deutlich schrumpft: um immerhin 32.000 in den vergangenen fünf Jahren. Tendenz steigend: Bis 2030 wird die Zahl der Saarländerinnen und Saarländer aller Wahrscheinlichkeit nach um weitere 130.000 sinken.

Das Saarland ein Abwanderungsland – das war nicht immer so. Im Gegenteil: In der Zeitspanne von 1988 bis 1996 – also in den Jahren nach Fall des Eisernen Vorhangs und der deutschen Vereinigung – konnte unser Land kräftige Wanderungsgewinne verbuchen. In dieser Zeit zogen per Saldo rund 50.000 Menschen zu. Gespeist wurde der Zustrom vor allem durch Aussiedler aus der früheren Sowjetunion und durch Zuwanderung aus ost- und südosteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien, Bulgarien oder Ungarn. Auch zu Beginn des neuen Jahrtausends war unser Land fünf Jahre lang Zuwanderungsland; dies allerdings in deutlich geringerer Dimension.

Was hat sich seither verändert? Vor allem eines: Die Zuwanderungswelle von Ausländern ist abgeebbt. Sie reicht nicht mehr aus, die Abwanderung von Saarländern in andere Teile Deutschlands auszugleichen. Und hier liegt das eigentliche Problem: Jahr für Jahr verliert unser Land Einwohner an die übrigen Bundesländer – insbesondere an die wirtschaftsstärkeren Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern, aber auch an Hessen und Nordrhein-Westfalen. Allein in diese vier Länder sind seit 2004 per Saldo rund 7.000 Menschen abgewandert.

Junge Fachkräfte verlassen das Land

Diese Wanderungsverluste wiegen umso schwerer, als es sich bei den Abwanderern zumeist um jüngere und gut ausgebildete Arbeitskräfte handelt. Insbesondere Hochschulabsolventen und junge Familien, in denen beide Partner berufstätig sein wollen, fanden und finden in anderen Regionen häufig bessere Beschäftigungschancen. Einer der Gründe dafür ist, dass es hierzulande an Unternehmenszentralen und Entwicklungsabteilungen mangelt und es deshalb zu wenig qualifizierte Arbeitsplätze in Management und Verwaltung, in Forschung und Entwicklung, in Beratung und Dienstleistung gibt.

Auch die Perspektiven für die kommenden Jahre versprechen kaum Besserung. Mit Blick auf das Ausland spricht wenig dafür, dass der Einwanderungsstrom bald wieder anschwellen wird; schon deshalb nicht, weil die demografische Entwicklung in fast allen Ländern Europas ähnlich ungünstig verläuft wie hierzulande. Auch dort schrumpft und altert die Bevölkerung. Auch dort werden Fachkräfte knapp. Zudem nivelliert sich das Einkommensgefälle zwischen Osteuropa und Deutschland zunehmend – je höher die Qualifikation, desto schneller.

Bei der Binnenwanderung dürfen wir dagegen darauf hoffen, dass die Zahl der Fortzüge aus dem Saarland tendenziell sinken wird. Hauptsächlich, weil sich die Arbeitsmarktchancen hier im Land aufgrund des demografisch bedingten Jugendschwundes deutlich verbessern werden. Absolut und in Relation zu den übrigen Bundesländern. So wird die Zahl der Schulabgänger bei uns bis Ende des Jahrzehnts um rund ein Viertel sinken – doppelt so stark wie auf Bundesebene. Die aktuellen Bevölkerungsprognosen gehen deshalb davon aus, dass die Abwanderung in andere Bundesländer abnehmen und im Jahr 2030 zum Stillstand kommen wird.

Das ist recht optimistisch. Aber selbst wenn es so kommt, wird unser Land noch eine ganze Weile Abwanderungsland bleiben. Leider. Denn was wir brauchen ist das genaue Gegenteil: die Netto-Zuwanderung möglichst vieler Fachkräfte und Familien aus anderen Teilen Deutschlands und der Welt. So ließe sich der drastische Rückgang der Erwerbsbevölkerung, der altersstrukturell programmiert ist, zumindest teilweise ausgleichen. Den jüngsten Prognosen zufolge wird die Zahl der Saarländerinnen und Saarländer zwischen 20 und 65 Jahren bis 2030 um ein Fünftel schrumpfen. Für Deutschland insgesamt wird ein Minus von nur 13 v. H. vorausgesagt.

Demografie wird zur Wachstumsbremse

Die Folge: Es droht uns ein massiver Fachkräftemangel und damit einhergehend eine Abkoppelung beim Wirtschaftswachstum. Um das abzuwenden, muss das Land energisch gegensteuern. Zwei Wege bieten sich an: Der erste führt über eine bessere Ausschöpfung des heimischen Potenzials an Erwerbspersonen, das heißt über höhere Erwerbsquoten. Die Stellgrößen heißen: höhere Bildungsqualität, weniger Schul-, Ausbildungs- und Studienabbrecher, längere Arbeitszeiten oder auch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Einiges ist hier bereits auf einem guten Weg. Vieles muss noch folgen.

Als zweiter Weg muss die Aktivierung der Wanderungsbilanz hinzukommen. Die Abwanderung bremsen, Zuwanderung stimulieren heißt das Ziel. Eine Schlüsselrolle kommt dabei unseren Hochschulen zu. Je mehr junge Saarländer sie in Studiengängen ausbilden, die hier im Land gute Berufschancen eröffnen, desto weniger Saarländer werden das Land verlassen müssen, um anderswo zu studieren und zu arbeiten. Und: Je attraktiver die Studiengänge der Saar-Uni, der Hochschule für Technik und Wirtschaft oder auch der Akademie der Saarwirtschaft sind und je besser sie in den bundesweiten und europäischen Rankings abschneiden, desto mehr Nicht-Saarländer werden interessiert sein, hier im Land zu studieren.

Letzteres eröffnet saarländischen Unternehmen dann eine vorzügliche Chance, Kontakte über Diplomarbeiten oder Praktika zu knüpfen und die Absolventen hier im Land zu binden. Dieser Weg verspricht Erfolg. Denn alle Erfahrung lehrt, dass es weitaus leichter ist, Studenten mit attraktiven Studienangeboten ins Land zu locken als nicht saarländische Akademiker von außen für unsere Wirtschaft zu gewinnen.

Attraktive Studiengänge

Vor diesem Hintergrund ist es besonders dringlich, offen darüber zu diskutieren, welche Schwerpunkte unsere Hochschulen künftig haben sollen – in der Forschung und vor allem in der Lehre. Aus Sicht der IHK brauchen wir ein klares Zielbild, das festlegt, wohin sich unsere Hochschulen langfristig entwickeln sollen. Im Vorfeld zu klären ist insbesondere auch, wie weit sich die Studienangebote und Forschungsschwerpunkte am Bedarf in unserem Lande orientieren sollen. Die Hochschulen sind heute bereits ein wichtiger Standortfaktor. Sie können mit Blick auf die demografische Herausforderung künftig noch wichtiger werden: als Anziehungspunkt für kluge Köpfe von außen.

Konkurrenzfähige Lebensbedingungen

Zugleich gilt es natürlich, die Lebensbedingungen in unserem Land attraktiv zu halten und – da wo möglich – weiter zu verbessern. Dazu gehören ein weiterhin reichhaltiges und vielfältiges Kulturangebot, lebendige Innenstädte, die Einkaufserlebnis bieten, attraktive Wohngebiete und nicht zuletzt auch Schulen, die im Qualitätsvergleich mit anderen Bundesländern gut abschneiden.

Die besondere Herausforderung für unser Land liegt darin, bei alldem mit bescheidenen und künftig weiter sinkenden Budgets auszukommen. Dazu werden langfristig angelegte Konzepte erforderlich sein, die zum Teil auch grundlegende Strukturreformen einschließen. Reformen, die eine Zuwanderung behindern, sind dagegen tunlichst zu vermeiden. Die Einführung eines fünften gemeinsamen Grundschuljahres gehört dazu. Weil sie einen Schulwechsel ins Saarland erschwert. Und weil sie die begabteren Schüler in ihrer Entwicklung eher behindert als fördert.

Offensives Standortmarketing

Wer das Saarland kennt, der weiß, dass es sich hier insgesamt gut leben lässt. Menschen von außerhalb, die einen neuen Arbeits- und Lebensstandort suchen, wissen es zumeist nicht. Schlimmer noch: Sie haben vielfach ein Negativbild von unserem Land, das durch falsche Klischees wie provinziell, rückständig, umweltbelastet und montan strukturiert geprägt wird. Umso wichtiger ist es, diese Imagelücke möglichst rasch zu schließen. Eine solch massive Zuwanderungsbarriere schadet dem Land und seiner Entwicklung.

Deshalb ist es wichtig, das im vergangenen Jahr begonnene Standortmarketing konsequent fortzusetzen. Die Landesregierung und die Wirtschaftsorganisationen werden schon bald weitere konkrete Schritte verabreden. Die Zeit drängt. Denn der Aufbau einer positiv besetzten Marke ist ein aufwändiger und langwieriger Prozess.