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 Motiv: © Monkey Business - Fotolia.com

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01.05.2011

Großes Potenzial - Mehr Frauen für den Arbeitsmarkt gewinnen!

Standpunkt
von Volker Giersch


Für die IHK-Organisation ist es das Thema des Jahres, für das Saarland die größte wachstumspolitische Herausforderung des Jahrzehnts: die Sicherung eines ausreichenden Angebots an Fachkräften für die Zukunft.

Weil der demografische Wandel hierzulande früher eingesetzt hat und weil er hier auch besonders kräftig ausfällt, sind wir stärker gefordert als andere. Es reicht nicht, gleich viel zu tun wie die übrigen Länder. Wir müssen deutlich mehr tun, wenn die Demografie das Saarwachstum nicht schon bald deutlich bremsen soll.

Ansatzpunkte dazu gibt es viele. Zu den Handlungsfeldern, die die größten Spielräume eröffnen, zählt die Erwerbsbeteiligung der Frauen. Das hat eine Studie der Bundesagentur für Arbeit erst kürzlich nochmals anschaulich unterstrichen. Der Befund: Im Saarland sind deutlich weniger Frauen erwerbstätig als im Rest der Republik. Mit einer Frauenerwerbsquote von nur rund 65 Prozent rangiert das Land im Reigen der Bundesländer auf dem letzten Platz – weit hinter ostdeutschen Ländern wie Brandenburg oder Sachsen mit jeweils 77 Prozent oder süddeutschen Ländern wie Baden-Württemberg und Bayern mit jeweils rund 71 Prozent. Der Bundesschnitt liegt bei gut 70 Prozent.

Die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden

Dabei ist auch Deutschland noch nicht das Maß aller Dinge. In Dänemark etwa sind von 100 Frauen fast achtzig erwerbstätig. Es gibt also noch reichlich Spielraum nach oben. Konkret: Würden wir Saarländer bei der Frauenbeschäftigung bis 2030 zu den Dänen aufschließen – ein gewiss äußerst ehrgeiziges Ziel – dann gäbe es auf dem saarländischen Arbeitsmarkt rund 33.000 zusätzliche weibliche Erwerbstätige.

Zum Befund gehört auch, dass von den Frauen, die in Deutschland erwerbstätig sind, nur gut die Hälfte in Vollzeit arbeitet. In fast allen anderen EU-Ländern sind es deutlich mehr: in Finnland 82 Prozent, in Spanien 77 Prozent, in Italien 72 Prozent und in unserem Nachbarland Frankreich 70 Prozent. Diese Quote Frankreichs zu erreichen, würde für uns bedeuten, dass das Arbeitsangebot rechnerisch nochmals um rund 16.000 ganze Stellen steigen würde – eine durchaus beachtliche Größenordnung.

Und das ist noch nicht alles. Denn die teilzeitbeschäftigten Frauen arbeiten deutschlandweit durchschnittlich nur 18,6 Stunden, an der Saar gar nur 18,1 Stunden je Woche. Das ist deutlich kürzer als anderswo. In Frankreich etwa liegt der Vergleichswert bei gut 23 Stunden. Das ist gut ein Fünftel mehr als hierzulande.

Positiv gewendet bedeutet all das: Wir haben die Chance, das Arbeitskräfteangebot im Saarland deutlich auszuweiten und die demografische Herausforderung zu einem beträchtlichen Teil zu meistern, wenn wir für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen. In den Fokus gehören dabei nicht nur junge Mütter, sondern auch Frauen, die pflegebedürftige Angehörige betreuen.

Ein positiver Trend ist auf dem Arbeitsmarkt bereits angelegt: Bei den Frauen unter 35 Jahren haben sich die Erwerbsquoten bereits weitgehend an das Bundesniveau angenähert, zum Teil liegen sie schon darüber. Bei den älteren ist der Abstand indes noch beträchtlich, ein Erbe der montanindustriellen Vergangenheit des Landes, die mit viel Schichtarbeit und relativ hohen Einkommen der Bergleute verbunden war. Da diese Faktoren Jahr für Jahr an Gewicht verlieren, vollzieht sich ein Teil der Angleichung quasi von selbst. Doch das reicht bei weitem nicht. Nur mit einer offensiven Familienpolitik, die insbesondere auch auf die Arbeitswelt zielt, können wir das vorhandene Potenzial wirklich ausschöpfen.

Mehr Betreuungsangebote für Kinder

Um Missverständnissen vorzubeugen – hierbei ist keineswegs allein der Staat gefordert. Auch die Wirtschaft muss sich stärker als bisher engagieren. Nur gemeinsam lässt sich das Ziel erreichen – und zwar mit einer ambitionierten Agenda.

Zunächst muss es mit dem Ausbau der Kinderbetreuung zügig vorangehen. Bundesweit sollen nach den bisherigen Planungen bis 2013 ca. 500.000 neue Betreuungsplätze für unter Dreijährige geschaffen werden. Danach soll es für Kinder, die älter als ein Jahr sind, einen Rechtsanspruch auf Betreuung geben. Damit wir im Saarland bei der Beschäftigung von Frauen aufholen können, müssen wir mit der Bundesentwicklung mindestens Schritt halten. Das gilt auch für die Nachmittagsbetreuung in Kindergärten und in Schulen (mehr Ganztagsschulen!). Zudem müssen sich die Öffnungszeiten von Kitas und Kindergärten stärker an den Arbeitszeiten der Eltern orientieren. Und es muss mehr Betreuungsangebote auch an Wochenenden und in den Ferien geben.

Keine Frage: All das kostet Geld. Und daran mangelt es mit Blick auf Schuldenbremse und Haushaltsnotlage hierzulande in besonderem Maß. Da hilft, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen in unserem Land deutlich stärker zurückgehen wird als bundesweit – allein bis 2020 um rund ein Fünftel. Je weniger Kinder, desto geringer der Betreuungsbedarf und desto größer die sogenannte demografische Dividende. Einen Teil dieser Dividende können und brauchen wir für die Haushaltskonsolidierung, den anderen müssen wir in Bildung und Kinderbetreuung investieren – aus bildungspolitischen ebenso wie aus familienpolitischen Gründen.

Familienbewusste Personalpolitik zahlt sich aus

Auch die Wirtschaft muss künftig (noch) mehr tun, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern. Letztlich liegt es im Interesse der Unternehmen selbst, sich zu attraktiven Arbeitgebern für Frauen zu entwickeln. Viele sind hier bereits auf einem guten Weg. Das hat unser IHK-Wettbewerb „Unternehmen Familie“, den wir gemeinsam mit VSU und Handwerkskammer durchführen, eindrucksvoll gezeigt. Vielfach beginnt familienorientierte Personalpolitik mit flexibler Tages- und Wochenarbeitszeit oder dem Angebot, ein Home-Office zu nutzen. Die Palette der Möglichkeiten reicht aber weit darüber hinaus - von Wiedereinstiegsprogrammen nach der Elternzeit, Geburten- und Kinderbetreuungszuschüssen über Beratungs- und Vermittlungshilfen für Betreuungsplätze oder Tagesmütter bis hin zu konkreten Betreuungsangeboten in Notfallsituationen oder in den Schulferien. In einigen Unternehmen ist familienorientierte Personalpolitik längst ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Dort gibt es dann auch vielfältige Projekte für Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Angehörigen.

Die Praxis zeigt: All das zahlt sich aus. Mit einer familienbewussten Personalpolitik ist es leichter, neue Mitarbeiterinnen zu gewinnen, der Krankenstand ist niedriger, die Motivation des Personals höher. Diese Erfahrungen gilt es weiterzutragen, um möglichst viele Unternehmen zur Nachahmung anzuregen.

Der Spielraum für weitere Verbesserungen ist beträchtlich. Allerdings ist das nicht allen bewusst. Mit der Prämierung von best-practice-Lösungen wollen wir dazu beitragen, dass die Saar-Unternehmen voneinander lernen. Der Wettbewerb bleibt deshalb fester Bestandteil unserer IHK-Agenda und soll künftig alle zwei Jahre ausgeschrieben werden.

Praktische Unterstützung zu jeder Zeit bietet den Betrieben die Beratungsstelle „Arbeit und Leben im Saarland“ an – eine Einrichtung, die gemeinsam von der Landesregierung und den Spitzenorganisationen der Saarwirtschaft getragen wird. Sie informiert und berät ganz konkret über Ansatzpunkte zu einer familienfreundlichen Personalpolitik und unterstützt die Vernetzung der Betriebe. Die Landesregierung finanziert inzwischen zwei Stellen, unsere IHK stellt die Räumlichkeiten und ihr Netzwerk bereit. Eine offensive Ansprache der Unternehmen ist inzwischen gängige Praxis. Die Beratung durch externe Fachleute kann aus Landesmitteln bezuschusst werden.

Ins Auge gefasst haben wir in der IHK überdies, familienfreundlichen Unternehmen ein Audit mit entsprechender Zertifizierung anzubieten. Das kann zusätzliche Impulse in Richtung einer familienbewussten Arbeitswelt geben.

Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx sieht Frauen auf allen Feldern der Gesellschaft auf dem Vormarsch – in der Bildung, kulturell, politisch und ökonomisch. Da muss auch die Arbeitswelt „weiblicher“ werden. Nicht deshalb, weil Frauen in vielen Bereichen – und erst recht in Führungspositionen – noch deutlich unterrepräsentiert sind, sondern weil sie im Schnitt auch über eine mindestens gleich gute Qualifikation verfügen - und über Begabungen, die jene des anderen Geschlechts vortrefflich ergänzen. Und nicht zuletzt deshalb, weil in der (Mehr-)Beschäftigung von Frauen das größte „Reservoir“ steckt, dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Wir sollten die vielfältigen Chancen, die in einer stärkeren Frauenbeschäftigung liegen, im Saarland konsequent nutzen. Vom saarländischen Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahren eine wachsende Sogwirkung ausgehen: Je knapper Fachkräfte werden, desto stärker werden die Betriebe um qualifizierte Frauen werben. Wenn es parallel dazu gelingt, für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen, können wir innerhalb Deutschlands schon bald ein Musterland für die Beschäftigung von Müttern und Eltern pflegenden Töchtern – ein Vorreiter in „Womenomics“ – werden. Dieses Ziel sollten wir beherzt anstreben – auch in dem Wissen, dass sich die notwendigen Anstrengungen regionalwirtschaftlich rasch amortisieren werden.