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 Motiv: © Minerva Studio - Fotolia.com

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01.08.2011

Ingenieure braucht das Land

Standpunkt
von Volker Giersch


Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden für die regionale Wirtschaftsentwicklung zunehmend wichtiger. Sie bieten der heimischen Wirtschaft gut ausgebildete Hochschulabsolventen. Sie sind eine Quelle für Unternehmensgründungen und sie geben über Wissens- und Technologietransfer manchen Impuls für die Entwicklung neuer Produkte und Verfahren. So ist es auch im Saarland.

Von besonderer Bedeutung für unsere Industrie geprägte Wirtschaft sind die Ingenieurwissenschaften. Ingenieure sind bereits heute knapp und alle Prognosen deuten darauf hin, dass sich der Ingenieurmangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Das bedeutet dann auch, dass jene Regionen, die bei der Ingenieurausbildung quantitativ und qualitativ vorne liegen, künftig im Standortwettbewerb Vorteile haben werden.

Hier im Saarland ist die Ausgangslage alles in allem nicht schlecht. Die von der Wirtschaft getragene und finanzierte Akademie der Saarwirtschaft bildet zurzeit rund 140 Maschinenbau-Ingenieure und Wirtschaftsingenieure aus. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) sind mehr als 2 000 Studenten in sechs ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen eingeschrieben. Dazu zählen Elektrotechnik, Engineering und Management, Maschinenbau/Prozesstechnik, Mechatronik/Sensortechnik, Biomedizinische Technik und Wirtschaftsingenieurwesen. Erfreulich ist, dass die Zahl der Studienanfänger eine deutlich steigende Tendenz aufweist. Das gilt auch für die Fachrichtung Mechatronik an der Saar-Uni, die zuletzt an Attraktivität gewonnen hat. Die Anfängerzahl hat sich seit 2007 mehr als verdoppelt – von rund 100 auf jetzt mehr als 200.

Die positive Tendenz kann freilich nicht darüber hinweg täuschen, dass mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fächer an der Saar-Uni im Ländervergleich stark unterrepräsentiert sind. Das Saarland weist, so der jüngste Bericht der PwC, in Mathematik und Naturwissenschaften die zweitniedrigste, in den Ingenieurwissenschaften gar die niedrigste Studierendenquote der alten Bundesländer auf. In einem Industrieland, dessen wirtschaftlicher Erfolg stark von seiner Ingenieurkunst abhängt, sollte das zu denken geben.

Ingenieurausbildung ist Wachstumsvorsorge

Eine Umfrage, die IHK und VSU kürzlich bei Unternehmen der Saarindustrie durchgeführt haben, belegt, dass der Ingenieurmangel hier im Land bereits deutlich spürbar ist: Rund 60 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie große oder sehr große Schwierigkeiten haben, Ingenieure mit Hochschulabschluss zu finden. Und: Die Nachfrage wird weiter steigen. Deshalb, weil in den nächsten zwei Jahrzehnten fast jeder zweite in der Industrie tätige Ingenieur altersbedingt ausscheiden wird und der Ersatzbedarf entsprechend hoch ist. Deshalb aber auch, weil die Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter gerade auch in den technischen Bereichen der Unternehmen weiter zunehmen werden und die Zahl der Arbeitsplätze für qualifizierte Ingenieure entsprechend steigen wird.

Ein Mangel an Ingenieuren wird vor allem für die mittelständische Industrie und für Ingenieurbüros zum Problem werden. Viele kleine Unternehmen können bereits jetzt ein Lied davon singen, wie schwierig (und teuer) es ist, qualifizierte Ingenieure von außerhalb zu gewinnen. Hierbei spielen nicht zuletzt die Imageprobleme eine Rolle, unter denen das Land nach wie vor leidet. Umso wichtiger ist es, möglichst viele Ingenieure hier im Land auszubilden. Die Ingenieurausbildung ist insofern zugleich wirksame Wachstumsvorsorge für den Mittelstand.

Strukturpolitisch ist ein weiterer Aspekt von Bedeutung: In der Saarindustrie haben Produktionsstätten größerer Unternehmen ein hohes Gewicht. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten äußerst erfolgreich entwickelt – nicht wenige gar zu „Leitwerken“ in ihrem Unternehmensverbund. Aber, und das ist die Kehrseite der Medaille: Es mangelt hierzulande an Arbeitsplätzen in Forschung und Entwicklung, weil die Entwicklungszentren der Unternehmen zumeist am Firmensitz angesiedelt sind. Eine Stärkung der Ingenieurwissenschaften an Uni und HTW würde die Chance eröffnen, hier zu einer strukturellen Verbesserung zu kommen. Denn eine hohe Verfügbarkeit an Ingenieuren wäre ein starker Anreiz, den saarländischen Produktionsstätten zusätzliche FuE-Aufgaben zu übertragen. Die Tendenz ist bereits positiv. Wir sollten die Chance nutzen, sie weiter zu verstärken.

Wirtschaft braucht Absolventen von Uni und HTW

Die Wirtschaft braucht dabei gleichermaßen Ingenieure mit Universitäts- wie mit Fachhochschulabschluss. Uni-Absolventen werden insbesondere für Forschungsaufgaben und in der Produkt- und Verfahrensentwicklung benötigt, die Absolventen der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) werden bevorzugt in Bereichen wie Konstruktion, Produktion und Vertrieb eingesetzt. Insgesamt verteilt sich der Bedarf in der Relation zwei Drittel zu einem Drittel zugunsten der Fachhochschule. Unter den ingenieurwissenschaftlichen Fachrichtungen sind Mechatronik/Maschinenbau, Produktions- und Verfahrenstechnik sowie Elektrotechnik am stärksten gefragt. Zu einer soliden fachlichen Ausbildung sollten zudem auch Kenntnisse in Fremdsprachen (englisch ist ein Muss!) sowie Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft und Projektmanagement hinzu kommen.

Für die Zukunft ist von entscheidender Bedeutung, dass die Studiengänge so ausgestaltet werden, dass sie im nationalen und internationalen Vergleich konkurrenzfähig sind. Denn der Wettbewerb der Hochschulen um die klügsten Köpfe dürfte in den vor uns liegenden Jahrzehnten weiter an Schärfe gewinnen. Zu einen, weil die Zahl junger Menschen, die die Gymnasien erfolgreich abschließen, aufgrund des demografischen Wandels schon bald kräftig sinken wird. Zum anderen, weil die Neigung der Abiturienten, sich für einen Ingenieurstudiengang zu entscheiden, auf absehbare Zeit noch eher gering bleiben dürfte. Chancenreich im schärferen Wettbewerb – im „war of talents“ – werden vor allem jene Studienangebote sein, die in den Rankings relativ weit vorne liegen. Hier gilt: Qualität punktet.

Kooperative Studiengänge bieten eine vorzügliche Chance, Studenten, die von außen kommen, im Land zu halten. Die Unternehmen unterstützen die Studenten bei der Finanzierung des Studiums, bieten Einblicke in die betriebliche Praxis und sind Partner bei Bachelor- und Masterarbeiten. Das erzeugt „Klebeeffekte“.

Wichtig ist zudem auch, dass die Hochschulen künftig zusätzliche berufsbegleitende Master-Studiengänge anbieten, um Bachelor-Ingenieure, die bereits in der Saarwirtschaft tätig sind und einen höheren Abschluss anstreben, im Land zu halten. Auch in der Weiterbildung sollten Uni und HTW offensiver an den Markt gehen. Denn lebenslanges Lernen wird auch bei Ingenieuren zunehmend zur Pflicht.

Zu begrüßen ist, dass die Landesregierung den Aufbau und Ausbau von Forschungseinrichtungen in den Bereichen Mechatronik und Qualitätssicherung unterstützt und vorangetrieben hat. Konkret zu nennen sind das Innovationscluster Automotive Qualitiy Saar am Saarbrücker Fraunhofer Institut und das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZEMA) - eine Gemeinschaftseinrichtung von Uni und HTW. Beide Einrichtungen sollen zusammen mit der Wirtschaft FuE-Projekte durchführen und zugleich zur Qualifizierung von Ingenieuren beitragen.

Klare Schwerpunktbildung nötig

Eine weitere Stärkung der Ingenieurwissenschaften wäre wichtig für unser Land und seine Wirtschaft. Sie stößt aber auf die bekannten finanziellen Grenzen. Deshalb fordern die Wirtschaftsorganisationen nicht nur, sie fördern auch: Seit 2010 finanzieren der Verband der Metall- und Elektroindustrie und unsere IHK gemeinsam mit dem Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium im Bereich Mechatronik je zwei Stiftungsprofessuren an Uni und HTW.

Chancen, die Ingenieurausbildung Ressourcen schonend voranzubringen, liegen auch in einer engeren Zusammenarbeit zwischen beiden Saar-Hochschulen. Durch eine bessere Abstimmung der Studienangebote, durch eine höhere Durchlässigkeit, durch ein gemeinsames Marketing oder auch durch die Entwicklung gemeinsamer Studiengänge lassen sich positive Effekte erzielen, ohne dass Mehrkosten anfallen.

Vordringlich ist angesichts der klammen Landesfinanzen aber vor allem eines: Wir müssen hier im Land möglichst zügig ein langfristiges Zielbild für die Hochschulen entwickeln. Dies auf der Grundlage klarer Budgetvorgaben und mit einer Schwerpunktbildung, die sich an den strukturpolitischen Zielen des Landes orientiert. Politik, Wirtschaftsorganisationen und Gewerkschaften sind sich darin einig, dass das Saarland auch künftig ein Industrieland bleiben muss. Eine nachhaltige Stärkung der Ingenieurwissenschaften muss die logische Konsequenz daraus sein.