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 Motiv: © Jürgen Priewe - Fotolia.com

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Kennzahl: 17.6352
01.02.2010

Wir brauchen eine langfristige Entwicklungsstrategie für unsere Hochschulen

Standpunkt
Von Volker Giersch


Zu den Trumpfkarten, die unser Land vorweisen kann, zählen ohne Frage die hier ansässigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie bieten der heimischen Wirtschaft gut ausgebildete Hochschulabsolventen. Sie sind eine ergiebige Quelle für Unternehmensgründungen. Und sie geben über Wissens- und Technologietransfer manchen Impuls für die Entwicklung neuer Produkte und Verfahren. Kurzum: Sie stärken die Position des Saarlandes im Wettbewerb der Regionen.

Internationale Strahlkraft bringen insbesondere die im Umfeld der Universität angesiedelten Forschungseinrichtungen. Zwei Max-Planck-Institute für Informatik, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, die Fraunhofer Institute für Zerstörungsfreie Prüfverfahren und biomedizinische Technik, das Leibniz-Institut für Neue Materialien und ganz aktuell das Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland – das alles ist für ein kleines Land wie das Saarland schon ein beachtliches Stück Spitzenforschung.

Lange Zeit stand der Auf- und Ausbau dieser Institute stark im Fokus der saarländischen Standort- und Innovationspolitik. Die Institute brachten dem Land zusätzliches Renommee und nährten insbesondere auch die Hoffnung, dass über Technologietransfer und spin-offs hierzulande viele neue Arbeitsplätze entstehen. Zwar hat sich diese Hoffnung bislang nur in Teilen erfüllt. Doch war es richtig, auf Spitzenforschung zu setzen, zumal die laufenden Kosten der Institute ganz überwiegend aus den Etats des Bundes und der übrigen Länder finanziert werden.

Leider ist die Entwicklung an der Uni selbst und hier insbesondere die Qualität der Lehre darüber allzu sehr aus dem Blickfeld der Politik geraten. Erkennbar ist das bereits am äußeren Erscheinungsbild des Campus: links die glänzenden Prachtbauten der Forschung, rechts die eher tristen Stätten der Lehre.

Harter Wettbewerb um kluge Köpfe

Land und Hochschulen haben in jüngster Zeit zwar wieder mehr in die Qualität der Lehre investiert – in Hörsäle, Bibliotheken, Tutoren und Hilfskräfte. Die Einführung der Studiengebühren hat hier wichtige Impulse gegeben. Doch es gibt immer noch Nachholbedarf und die Zeit drängt. Denn der Wettbewerb um begabte Studienanfänger wird zunehmend härter.

Derzeit studieren an den Saar-Hochschulen rund 20.000 junge Menschen. Bis Mitte des Jahrzehnts wird die Zahl der Studienanfänger zwar noch ansteigen, danach dann aber spürbar sinken. Denn die Abiturientenjahrgänge werden von Jahr zu Jahr kleiner – insbesondere im Saarland, wo der demografische Wandel früher einsetzt und stärker ausfällt als in den meisten anderen Ländern. Der akademische Nachwuchs droht deshalb schon bald zum Engpassfaktor für Wachstum und Innovation zu werden. Das träfe dann nicht nur einige High-tech-Unternehmen, sondern das ganze Land. Denn die Verfügbarkeit von Hochschulabsolventen wird mehr und mehr zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb der Regionen. Deshalb müssen wir energisch gegensteuern. Bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern gibt es bereits erste Engpässe.

Viele Unternehmen – vor allem kleine und mittlere – können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, Hochschulabsolventen von außerhalb zu gewinnen. Umso wichtiger ist es, möglichst viele von ihnen im Land selbst auszubilden. Der Weg dazu führt über Studienangebote, die für Saarländer aber auch Nicht-Saarländer attraktiv sind. Je mehr kluge Köpfe von außen wir für ein Studium im Land begeistern können, desto besser. Denn die Erfahrung zeigt: Viele Studenten lernen das Leben hier rasch zu schätzen und sind bei entsprechenden Jobangeboten bereit zu bleiben. Für die Unternehmen bietet sich die Möglichkeit, über Praktika frühzeitig Kontakte zu knüpfen.

Das Fazit aus alledem: Wir brauchen bei den Studienangeboten Schwerpunkte, die sich an den Interessen unseres Landes orientieren und darüber hinaus eine breit angelegte Offensive für mehr Qualität in der Lehre. Beides käme auch dem Technologietransfer zugute. Denn alle Erfahrung lehrt, dass der Wissenstransfer über Köpfe die mit Abstand wirksamste Form von Technologietransfer ist.

Land muss Ziele vorgeben …

Das Saarland gibt zurzeit bereits relativ viel für seine vier Hochschulen (Universität, HTW, Hochschule der Bildenden Künste, Hochschule für Musik) aus. Im laufenden Jahr sind es mehr als 200 Millionen Euro. Wenn der Wegfall der Studiengebühren, wie politisch zugesagt, voll kompensiert wird, kommen ab 2011 nochmals gut zehn Millionen Euro hinzu.

Angesichts dieser Ausgaben und der hohen regionalwirtschaftlichen Bedeutung der Hochschulen stellt sich die Frage, wer über ihre künftige Entwicklung entscheiden soll: die Hochschulen weitgehend selbst oder die Landesregierung, indem sie klare und verbindliche Ziele vorgibt? Befriedigend geklärt ist diese Frage derzeit nicht.

Fakt ist zunächst, dass die Landesregierung die Uni und die HTW inzwischen in die Autonomie entlassen hat – die Uni im Jahre 2004, die HTW in 2008. Seither entscheiden die Hochschulen weitgehend eigenständig darüber, wie sie die verfügbaren Mittel für Forschung und Lehre verwenden. Der Einfluss des Landes beschränkt sich im Wesentlichen darauf, mit den Hochschulen Ziel- und Leistungsvereinbarungen abzuschließen, die eine Geltungsdauer von drei Jahren haben. Für diese Zeit erhalten die Hochschulen dann jeweils verbindliche Finanzzusagen, die die Grundlage für ihre Globalhaushalte bilden.

Als Orientierungsrahmen gibt es bislang nur eine eher unverbindliche regierungsinterne Entwicklungsplanung mit mittlerer Reichweite. Ein klares Zielbild, das verbindlich festlegt, wohin wir unsere Hochschulen langfristig – etwa bis Ende des Jahrzehnts – entwickeln sollen, existiert bislang nicht – weder für die einzelne Hochschule, noch für die Hochschullandschaft insgesamt. Es wäre aber dringend nötig. Denn mit Blick auf die künftige Hochschulentwicklung stellen sich zahlreiche Fragen, die nur bei umfassender und langfristiger Betrachtung schlüssig beantwortet werden können.
  • Wie viele Studienplätze sollen die Hochschulen in welcher Qualität künftig anbieten?
  • Wie weit sollen sich die Studienangebote und Forschungsschwerpunkte am Bedarf in unserem Land orientieren? Wie soll die Fächerstruktur weiterentwickelt werden?
  • Wie sollen die neuen Schwerpunkte, die im Koalitionsvertrag genannt sind (z. B. Computergrafik und –animation, integrierte Mikrosysteme der Energieversorgung, Weiterqualifizierung von Erziehern) auf der Zeitachse aufgebaut werden? Und sollen bestehende Angebote im Gegenzug zurückgefahren werden?
  • Welche Synergien lassen sich durch eine engere Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen – insbesondere zwischen Uni und HTW – erreichen und wie lässt sich eine stärkere Kooperation rasch herbeiführen?
  • Wie weit sollen unsere Hochschulen mit den Hochschulen der Nachbarregionen kooperieren? Sollen sie komplementäre oder konkurrierende Schwerpunkte aufweisen? Ist eine stärkere Abstimmung auf Saar-Lor-Lux-Ebene erreichbar?
  • Welche Budgets kann und wird das Land den Hochschulen künftig zur Verfügung stellen? Schreibt es die aktuellen Ansätze anhand von Kostensteigerungen fort, friert es die Zuwendungen ein oder muss es die Budgets aufgrund der prekären Haushaltslage gar kürzen?
… die sich am gesellschaftlichen Interesse orientieren

All diese Fragen lassen sich nur im Rahmen einer umfassenden und langfristigen Betrachtung schlüssig beantworten. Wir brauchen eine klare Vorstellung darüber, was und wie die Hochschulen künftig zur wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung unseres Landes beitragen sollen. Und das wiederum erfordert eine ehrliche Stärken-Schwächen-Analyse, valide Bedarfsprognosen und eine fundierte Einschätzung, wie und in welchen Bereichen wir künftig im nationalen und internationalen Wettbewerb punkten können.

Aus der Wirtschaft wissen wir: Erfolgreiche Unternehmen orientieren sich an einer langfristig angelegten Unternehmensstrategie, die sie periodisch fortschreiben. Eine solche Zukunftsstrategie brauchen wir auch für unsere Hochschulen. Sie sollte sich über eine Zeitphase von zehn Jahren erstrecken, hochschulübergreifend sein, klare strukturelle Vorgaben enthalten und als Grundlage für künftige Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit den Hochschulen dienen. Im Koalitionsvertrag heißt es: „Wir werden im Rahmen eines Landeshochschulentwicklungsplanes auch das Ziel verfolgen, bis zum Jahr 2020 eine attraktive, vernetzte und demographiefeste Hochschullandschaft in der Großregion mit den Schwerpunkten Informationstechnologie, Bio-Nano und Europa national und international zu positionieren.“ Das lässt hoffen. Für einen Industriestandort wie das Saarland sollte allerdings klar sein, dass die Ingenieurausbildung und –forschung mit in den Kanon der prioritären Schwerpunkte gehört.

Zu wünschen ist schließlich, dass die Hochschulplanung von einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Das würde wirksam dazu beitragen, die Kontinuität der Hochschulentwicklung über Wahlen hinweg zu sichern. Einen Zick-Zack-Kurs können wir uns beim besten Willen nicht leisten. Gerade in Zeiten knappen Geldes ist es unverzichtbar, klare Prioritäten zu setzen, die längere Zeit Bestand haben.