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Zeitarbeit – eine unverzichtbare Brücke in den Arbeitsmarkt

Standpunkt
von Volker Giersch

01.06.2011

Die Zeitarbeit ist in den vergangenen Wochen erneut in die Kritik geraten. Die Gewerkschaften monieren, dass sie reguläre, besser bezahlte Arbeitsplätze in der Wirtschaft verdrängt. „Leiharbeiter“, so kürzlich auch die saarländische Arbeitskammer, „haben in der Regel deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen: Sie müssen ständig um ihren Arbeitsplatz fürchten, der Lohn reicht oft nicht zum Leben, Zukunftsplanung ist kaum möglich.“ Arbeitnehmerorganisationen, SPD und Linke fordern deshalb, die Zeitarbeit in Deutschland wirksam einzudämmen. Dazu soll „equal-pay“ – also gleicher Lohn für gleiche Arbeit im Einsatzunternehmen – verbindlich vorgeschrieben werden.

Das klingt zwar zunächst einleuchtend. Es würde im Ergebnis aber gerade jenen schaden, die am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen sind – den Geringqualifizierten und Älteren. Warum? Derzeit gehören fast 50 Prozent der Zeitarbeitskräfte zur Gruppe der Un- und Angelernten. Die Zeitarbeit hat gerade deren Arbeitsmarktchancen nachhaltig verbessert: Über zwei Drittel der Zeitarbeitsverhältnisse wurden in den vergangenen Jahren mit Personen geschlossen, die zuvor arbeitslos waren. Zeitarbeit ist also alles andere als unsozial. Sie hilft Arbeitslosen, sich über Arbeit zu qualifizieren und baut so belastbare Brücken in die „reguläre“ Beschäftigung.

Zeitarbeit schafft nötige Flexibilität

Für die Unternehmen ist Zeitarbeit wichtig, weil sie dem wachsenden Flexibilitätsbedarf Rechnung trägt. Der scharfe internationale Wettbewerb zwingt die Unternehmen, ihre Beschäftigung möglichst zeitnah an Schwankungen der Nachfrage anzupassen. Und die Schwankungen sind größer geworden, wie nicht erst die letzte Krise gezeigt hat: Die Zeitarbeit macht den Ausgleich möglich. Im Krisenjahr 2009 haben die Unternehmen die Zeitarbeit überproportional heruntergefahren, um ihre Stammbelegschaften halten zu können. Nach der Krise wurden zunächst Zeitarbeiter eingestellt, um die Produktion schnell ausweiten zu können: Seit Herbst 2009 stammt etwa jede dritte neue Stelle aus der Zeitarbeit. Viele Unternehmen sind aber schon längst in der nächsten Phase, stellen bewährte Zeitarbeitnehmer fest ein und stocken so ihre Stammbelegschaft auf.

Der Flexibilitätsbedarf wächst im Trend weiter, weil sich die Strukturen in der Wirtschaft wandeln: Die vergleichsweise stabilen Wertschöpfungsketten, die in den vergangenen Jahrzehnten noch vorherrschten, entwickeln sich zunehmend hin zu flexiblen Wertschöpfungsmustern, die auf Zeit gebildet werden. Die Zeitarbeit ist vor diesem Hintergrund ein unverzichtbarer Flexibilitätspuffer – auch weil der deutsche Arbeitsmarkt ansonsten nach wie vor stark reguliert ist.

Deutschlandweit gibt es zurzeit knapp 900.000 Zeitarbeiter. Das sind etwas weniger als drei Prozent aller Beschäftigten. Die Branche hat damit in etwa wieder den Beschäftigtenstand des Vorkrisenjahres 2008 erreicht. Im Saarland sind derzeit rund 11.000 Zeitarbeiter beschäftigt. Das sind prozentual gesehen geringfügig mehr als im Bundesschnitt, was sich durch den hohen Anteil an Produktionsbetrieben aber leicht erklären lässt.

Die mit Abstand meisten Zeitarbeiter werden in der Industrie eingesetzt, in jenem Wirtschaftssektor also, in dem die Nachfrageschwankungen im Konjunkturverlauf am stärksten ausfallen. Innerhalb der Industrie bilden die mittleren und größeren Betriebe der Metall- und Elektroindustrie und des Fahrzeugbaus den Schwerpunkt. Der Anteil der Zeitarbeiter an der Gesamtbelegschaft überschreitet dabei nur in wenigen Fällen die Marke von 10 Prozent.

Der Einsatzschwerpunkt von Zeitarbeitern in der Industrie zeigt nebenbei bemerkt, dass die Saarindustrie ein noch höheres Strukturgewicht hat als es die amtliche Statistik ausweist. Denn die Zeitarbeiter werden statistisch dem Dienstleistungssektor zugerechnet, obwohl sie de facto größtenteils im produzierenden Gewerbe tätig sind.

Internationale Vergleiche zeigen, dass sich der Anteil der Zeitarbeit hierzulande durchaus in einem normalen Rahmen bewegt. Nach dem jüngsten Bericht der internationalen Vereinigung der Personaldienstleister (CIETT) liegt er aktuell nur knapp über dem europäischen Schnitt und noch weit unter den Werten der Spitzenreiter Großbritannien und Niederlande. Auch in unserem Nachbarland Frankreich sind prozentual mehr Zeitarbeitskräfte beschäftigt als in Deutschland.

Sehr breite Tarifbindung

Anders als in vielen anderen Ländern ist Zeitarbeit in Deutschland in vollem Umfang sozialversicherungspflichtig. Dabei wird Zeitarbeitnehmern auch in verleihfreien Zeiten ihr Gehalt inklusive aller Sozialleistungen weiter ausgezahlt – eine Reglung, die in Europa alles andere als selbstverständlich ist. Die Tarifbindung in der Branche liegt hierzulande bei nahezu 100 Prozent – sicher auch, weil im Rahmen der Agenda 2010 für die Zeitarbeit ein de facto-Tarifzwang eingeführt wurde.

Eine so breite Tarifabdeckung gibt es nirgendwo sonst in Deutschland. Interessant auch: Von den gültigen Tarifverträgen, die für die Branche bestehen, sind die beiden mit der größten Branchenabdeckung von der Tarifgemeinschaft Zeitarbeit beim DGB unterzeichnet worden. Die Stundensätze betragen seit dem 1. Mai je nach Entgeltgruppe zwischen 7,79 Euro und 17,53 Euro im Westen sowie 6,89 Euro und 15,25 Euro im Osten. Diese Löhne, die für rund drei Viertel aller Zeitarbeitnehmer gelten, sind erst zum 1. Mai angehoben worden. Wenn die DGB-Gewerkschaften die Entlohnung in der Zeitarbeit als prekär bezeichnen, kritisieren sie mithin ihre eigenen Tarifverträge und stellen damit letztlich die Tarifautonomie in Frage.

In die Kritik geraten ist die Zeitarbeit insbesondere auch dadurch, dass einige Großunternehmen Teile der Stammbelegschaft in unternehmenseigene Zeitarbeitsfirmen ausgelagert haben, die niedrigere Löhne zahlen. Doch das waren Ausnahmen, denen die Politik mit der jüngsten Novelle des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes kürzlich ja auch einen Riegel vorgeschoben hat.

Die Regel ist, dass Zeitarbeiter die Stammbelegschaften ergänzen und nicht ersetzen. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) belegt, dass es den häufig beklagten „Drehtüreffekt“ in der Breite nicht gibt: Nicht einmal bei jedem fünften Unternehmen werden die Stammbelegschaften abgebaut und zugleich Zeitarbeit aufgebaut. Doch selbst in diesen Fällen geht die Zeitarbeit kaum zu Lasten vollzeitbeschäftigter Stammarbeiter. Verdrängt werden vornehmlich andere atypische Beschäftigungsformen wie befristete Stellen oder Mini- und Midi-Jobs.

Demografie bremst Wachstum

Mit Blick in die Zukunft ist absehbar, dass der demografische Wandel die weitere Entwicklung der Branche eng begrenzen wird. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels werden die Kundenunternehmen verstärkt bestrebt sein, bewährte Zeitarbeiter in die Stammbelegschaften zu übernehmen, um Personalengpässen wirksam vorzubeugen. Schon jetzt verlieren die Zeitarbeitsunternehmen viele ihrer Mitarbeiter, weil diese von den Kundenunternehmen abgeworben werden.

Zugleich wird es für die Zeitarbeitsunternehmen immer schwieriger, neue Mitarbeiter zu rekrutieren – eine Tendenz, die sich bereits heute abzeichnet und in den nächsten Jahren verstärkt fortsetzen wird: Je näher wir der Vollbeschäftigung kommen, desto besser werden die Chancen für Arbeitsuchende, direkt eine Anstellung in Industrie, Handel oder Tertiärbereich zu finden.

All das wird das Wachstum der Zeitarbeit in den nächsten Jahren spürbar dämpfen. Es wäre falsch, die Entwicklung der Branche durch verschärfte Regulierung zusätzlich zu bremsen. Immerhin ist die Zeitarbeit in Deutschland auch nach der Liberalisierung durch die rot-grüne Bundesregierung noch relativ stark reguliert - stärker jedenfalls als in Italien, in den Niederlanden, in Österreich, in der Schweiz, in Tschechien, Dänemark oder Großbritannien.

Hände weg also von einer weiteren Regulierung. Wir brauchen die Zeitarbeit auch in Zukunft, um der Wirtschaft eine flexible Personalanpassung zu ermöglichen und um die Geringqualifizierten, die nach wie vor in großer Zahl arbeitslos sind, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die gesetzliche Verankerung von „equal pay“ hätte unweigerlich zur Folge, dass viele gering qualifizierte Zeitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Das kann niemand ernsthaft wollen.