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Energiewende-Barometer 2021: Wieder mehr Risiken als Chancen

Neue Klimaschutzziele schwächen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen
Das Grundgesetz der Energieversorgung – das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) – verlangt in § 1, dass die Energieversorgung eine möglichst sichere, preisgünstige, verbraucherfreundliche, effiziente und umweltverträgliche leitungsgebundene Versorgung der Allgemeinheit mit Elektrizität und Gas sein soll, die zunehmend auf erneuerbaren Energien beruht. Dies sind damit auch die Bewertungskriterien für den Status quo und die zukünftige Entwicklung der Energiewende in Deutschland. Nur wenn diese Kriterien erfüllt werden und dabei ein Gleichgewicht gewährleistet ist, kann die deutsche Energiewende als erfolgreich angesehen werden. Die IHK-Organisation hat daher auch in diesem Jahr bundesweit wieder Unternehmen zu den Chancen und Risiken der Energiewende befragt. Das Ergebnis aus rund 2.600 Antworten: Über alle Branchen hinweg betrachtet die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland die Energiewende nach wie vor eher als Herausforderung und weniger als Chance. Die von der Politik beschlossene Verschärfung der Klimaschutzziele führt zu steigenden Strom- und CO2-Preisen. Gleichzeitig fehlt es an dem erforderlichen Rahmen bei Energieangebot und -kosten, mit dem die Unternehmen ihre Energieversorgung und Produktionsverfahren Richtung Klimaneutralität umstellen können. Den Betrieben fehlt damit die zentrale Planungsgrundlage für Zukunftsinvestitionen. 

Seit Beginn der Erhebung im Jahr 2012 wird die Energiewende von der deutschen Wirtschaft insgesamt überwiegend skeptisch beurteilt. Lediglich in den Jahren 2016 und 2017 war die Bewertung positiv. Über die Branchen hinweg überwogen damals die Chancen die Risiken. Diese Entwicklung kehrte sich 2018 um und der Barometerwert, der die Auswirkungen der Energiewende auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen auf einer Skala von -100 bis +100 angibt, liegt seither im negativen Bereich. Aktuell bewerten die Unternehmen die Energiewende mit -6,7 Zählern nach -2,5 im Vorjahr. Sie sehen also wieder mehr Risiken als Chancen.

Grafik Energiewendebarometer (jpg)

Saarland weiterhin deutlich kritischer – aber mit leichter Aufwärtstendenz

Wie schon in den Vorjahren bewerten die Saar-Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit insgesamt deutlich kritischer als im Bund. Mit -20,4 Zählern nach -21,3 im Vorjahr ist jedoch im Gegensatz zum Bund eine leichte Aufwärtstendenz zu erkennen. Dies liegt nicht zuletzt an der Einschätzung der Energiewende durch die Saar-Industrie. Nach dem Allzeittief von -37,5 Zählern im Jahr 2019 und der letztjährigen Verbesserung stieg der Barometerwert erneut deutlich auf aktuell -18,4 Zähler. Offensichtlich stellen sich die Industriebetriebe an der Saar zunehmend besser auf die Herausforderungen der Energiewende ein als noch vor einigen Jahren. Trotzdem liegt der Barometerwert der Saar-Industrie immer noch unter dem Bundesschnitt. Das beweist, dass die Energiewende nach wie vor keinen Gewinn für Saarwirtschaft insgesamt und erst recht nicht für die Saar-Industrie darstellt. Die Auswirkungen der von der Politik beschlossene Verschärfung der Klimaschutzziele mit ihren absehbar weiter steigenden Strom- und CO2-Preisen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Die werden sich erst in den kommenden Jahren zeigen und drohen dann zu einer Hypothek für den Transformationsprozess zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu werden.

Grafik Branchen bewerten Auswirkungen (png)

Belastungen durch Strom- und Energiekosten auf breiter Front gestiegen

Besorgt schauen insbesondere die Unternehmen an der Saar deshalb auch auf die Entwicklung der Energiepreise. Seit der Tiefpreisphase im Frühjahr 2020 infolge der Corona-Einschränkungen sind die Preise für Strom, Gas und Öl bis Sommer 2021 stark gestiegen. Der Strompreis ist insbesondere aufgrund der deutlich teureren CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandel auf ein Niveau gestiegen, das seit 2008 nicht mehr erreicht wurde. Rund zwei Drittel der Saar-Unternehmen geben deshalb an, dass sie für Strom bzw. Energie insgesamt mehr ausgeben als im Jahr zuvor. Bei den Industriebetrieben sind es sogar 83 bzw. 72 Prozent. Die Politik hat sich auf eine weitere Absenkung der EEG-Umlage durch Haushaltsmittel verständigt. Abzuwarten bleibt, ob dies auch dazu führt, dass zukünftig die Strompreise tatsächlich auch sinken werden. Denn die Entwicklung der Strompreise hängt neben den EEG- und weiteren Energiewende-Umlagen auch vom Preis für die CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandel und von der Entwicklung der Energierohstoffe auf den internationalen Märkten ab.

Die Top-Empfehlungen an die Politik

Angesichts der nach wie vor zahlreichen Baustellen der Energiepolitik von den Strompreisen bis hin zum Netzausbau haben sich die Unternehmen für eine Reihe von Maßnahmen ausgesprochen, die die Politik schnell in Angriff nehmen sollte, um die Energieversorgung sicher, bezahlbar und umweltverträglich zu gestalten. Die Top-Empfehlungen der Wirtschaft sind:

  1. Netzausbau beschleunigen
    Die Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien betrifft nicht allein die Erzeugung, sondern erfordert eine Umstellung des Gesamtsystems - der Netzinfrastruktur, der Netzsteuerung, der Speicherung und auch der Nachfrage. Die dringendste Herausforderung liegt jedoch in der Anpassung der Netzinfrastruktur. Diese kommt immer noch zu langsam voran und ist deshalb seit Jahren der mit Abstand größte Sorgenfaktor für die Unternehmen. Sehr einmütig sind daher auch die Empfehlungen zum Netzausbau: Die Politik sollte sich wahrnehmbar hinter den Netzausbau stellen und vor allem auch Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Diese beiden Empfehlungen erreichen mit je 97 Prozent weiterhin den Spitzenplatz aller Vorschläge und zeigen den dringenden Handlungsbedarf, den die Unternehmen in diesem Feld sehen, Im Saarland haben sich sogar unisono alle Unternehmen dafür ausgesprochen.

  2. Steuern und Abgaben auf den Strompreis senken
    Ein Großteil der Unternehmen im Bund (86 Prozent) empfiehlt, die Steuer- und Abgabenlasten beim Strompreis abzubauen, im Saarland sind es sogar über 91 Prozent. Dadurch könnte einerseits der Kostennachteil gegenüber Wettbewerbern mit Standort im Ausland und den dort geringeren Strompreisen reduziert werden. Andererseits würde der Stromeinsatz im Vergleich zur Nutzung fossiler Energieträger, wie Öl und Gas, attraktiver. Vier von fünf aller deutschen und saarländischen Betriebe halten es aber darüber hinaus für notwendig, stark belastete Unternehmen generell von hohen Abgaben auf Strom zu entlasten. Die Frage, ob die Förderung neuer Windräder, Solar- und Biomasseanlagen bis 2025 beendet werden soll, ist hingegen deutlich weniger Unternehmen wichtig. Bundesweit sprechen sich 56 Prozent der Betriebe voll bzw. eher dafür aus, dass die Förderung mit dem Ende der anstehenden Legislaturperiode ausläuft, an der Saar liegt der Wert aber mit rund 61 Prozent deutlich höher.

  3. Ja zu mehr Klimaschutz, aber mit umfassendem Emissionshandel
    77 Prozent aller Unternehmen empfehlen der Politik, mehr für das Erreichen der Klimaschutzziele zu tun, der Saar-Wert liegt mit 73 Prozent nur knapp darunter. Dahinter verbirgt sich aber nicht der Wunsch nach neuen und zusätzliche Einzelmaßnahmen: Vielmehr befürworten 63 Prozent der Betriebe, die Klimaschutzanstrengungen (eher) auf einen umfassenden Emissionshandel zu konzentrieren und dafür andere Maßnahmen abzubauen, an der Saar sind es sogar knapp 70 Prozent. In diesem Zusammenhang plädieren vier von fünf aller Betriebe im Bund dafür, die nationale CO2-Bepreisung in ein europäisches System zu überführen und damit ähnliche (Wettbewerbs-)Bedingungen in Europa zu schaffen. Im Saarland sind es sogar über 91 Prozent.

  4. Technologieoffenheit statt gesetzlicher Vorgaben bei Energieeffizienz, Wasserstoff und Mobilität
    Knapp zwei Drittel der Unternehmen im Bund sehen verschärfte gesetzliche Einsparvorgaben für Energie eher kritisch, an der Saar sind es 69 Prozent. Zudem sind 87 Prozent der Betriebe der Meinung, dass die Politik im Bereich der Energieeffizienz verstärkt eher auf Wirtschaftlichkeit, Freiwilligkeit und Technologieoffenheit setzen sollte. Im Saarland sind es sogar fast 97 Prozent. In Sachen Wasserstoff geht es derzeit vor allem darum, ob ausschließlich mit erneuerbarem Strom hergestellter Wasserstoff (sog. grüner Wasserstoff) freien Marktzugang erhalten sollte oder ob ihm CO2-arm erzeugter Wasserstoff gleichgestellt werden sollte. Vier von fünf Betrieben sprechen sich dafür aus, dass die CO2-Bilanz das Kriterium der Wahl sein sollte und nicht das Herstellungsverfahren. Auch hier liegt der Saarland-Wert mit 91 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt. Aber nicht nur bei den Themen Energieeffizienz und Wasserstoff vertritt die Wirtschaft den Grundsatz der Technologieoffenheit, sondern auch bezüglich der Mobilität: Eine deutliche Mehrheit von 77 Prozent der Unternehmen in Deutschland spricht sich dafür aus, dass es nach 2030 noch Alternativen zum Pkw mit Elektroantrieb für den Klimaschutz im Verkehr geben soll. Hier liegt der Saarland-Wert mit 73 Prozent nur knapp darunter.
Als Fazit lässt sich erneut festhalten, dass die Wirtschaft von der Politik für die kommenden Jahre vor allem keine neuen oder steigenden, sondern den Abbau der bestehenden Belastungen erwartet. Denn die Folgekosten der Energiewende bekommen insbesondere solche Unternehmen stark zu spüren, deren Produkte und Dienstleistungen energieintensiv sind und im harten globalen Wettbewerb stehen. Energieintensive Branchen weisen in den letzten Jahren eine besonders schwache Investitionsentwicklung auf: Seit 2001 liegt die Summe der Abschreibungen über den Investitionen in neue Anlagen. Man lebt von der Substanz und verzehrt diese, ohne sie zu erneuern. Diese, für die Wertschöpfungsketten in Deutschland so wichtigen Branchen, sind auf Entlastungen beim Energie- und Strombezug angewiesen. Dies gilt umso mehr, da sie ansonsten die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft nicht meistern können.

Die gesamten Ergebnisse der bundesweiten Umfrage mit weiteren Details finden Sie hier zum Download.