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 Motiv: © Coloures-pic - Fotolia.com

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Energiewende-Barometer 2019: Strompreise drücken auf die Stimmung


Das Grundgesetz der Energieversorgung – das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) – verlangt in § 1, dass die Energieversorgung möglichst sicher, preisgünstig, verbraucherfreundlich, effizient und umweltverträglich sein soll. Dies sind die Bewertungskriterien für den Status quo und die zukünftige Entwicklungen der Energiewende in Deutschland. Nur wenn hier ein Gleichgewicht gewährleistet ist, kann die deutsche Energiewende als erfolgreich angesehen werden. Daher hat die IHK-Organisation auch in diesem Jahr bundesweit wieder Unternehmen zu den Chancen und Risiken der Energiewende befragt. Das Ergebnis aus fast 2.600 Antworten: Strompreise und Versorgungssicherheit bereiten den Unternehmen mit Blick auf die Zukunft wachsende Sorge.

Die Unternehmen sehen dabei vor allem das Kriterium der preisgünstigen Versorgung mit Strom als verletzt an. Das drückt auf die Stimmung, denn die hohen Strompreise stellen inzwischen unübersehbar einen Standortnachteil für Deutschland dar. Eine der Top-Forderungen der Unternehmen an die Politik ist daher: Belastungen reduzieren!

Die Energiewende wurde in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt noch positiv bewertet. Über die Branchen hinweg überwogen die Chancen die Risiken. Diese Entwicklung hatte im letzten Jahr ein Ende. In diesem Jahr bestätigt sich die Trendwende. Auf einer Skala von -100 bis +100 bewerten die Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit aktuell mit -3,1 Zählern. Sie sehen also wieder mehr Risiken als Chancen. Hinzu kommt eine steigende Unsicherheit über die künftige Ausgestaltung, denn das Vertrauen der Unternehmen in nachhaltige Entscheidungen der Politik ist durch Fehlentwicklungen bei der Energiewende empfindlich gestört.

Saarland noch deutlich kritischer

Wie schon in den Vorjahren bewerten die Saar-Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit noch deutlich kritischer als im Bund. Mit -20,6 Zählern wurde erneut ein Negativrekord erreicht. Noch schlechter ist die Sicht der Industrie im Saarland auf die Energiewende. Ihr Barometerwert liegt aktuell bei -37,5 (Bund -19,0). Auch dies ist ein Allzeittief. Was die Auswirkungen der Energiewende angeht, war 2018 also abermals kein gutes Jahr für die überdurchschnittlich energieintensive Saar-Industrie.

Grafik Energiewendebarometer (jpg)

Bei den Unternehmen schwindet zusehends die Akzeptanz der Energiewende. Dies liegt vor allem an den steigenden Energiekosten. Und das nicht nur bei Öl und Gas. Fast 69 Prozent der Saar-Unternehmen berichten aktuell über steigende Strompreise. Im vergangenen Jahr waren es mit knapp 40 Prozent noch weniger als die Hälfte. Ein ähnliches Bild zeichnet die jüngste Sonderumfrage der IHK Saarland zu den Geschäftsrisiken. Demnach beklagten 46 Prozent der Industriebetriebe die hohen Strompreise, die im EU-Vergleich inzwischen die Spitze darstellen. „Hohe Stromkosten sind eine Bürde für die Saarwirtschaft bei der Bewältigung des Strukturwandels. Notwendig wäre jetzt eine zügige und vor allem spürbare Entlastung der Wirtschaft“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Heino Klingen. Ein gangbarer Weg dafür wäre aus Sicht der IHK eine Absenkung der Stromsteuer. Zumal sich diese aus den Erträgen des neuen CO2-Zertifikatehandels finanzieren ließe. Klingen: „Da hätten wir uns von der Bundesregierung bei der Vorlage ihrer Eckpunkte für den Klimaschutzplan 2030 mehr Mut gewünscht.“

Die Top-Forderungen an die Politik

Angesichts der nach wie vor zahlreichen Baustellen der Energiepolitik vom Netzausbau bis hin zu den Strompreisen haben sich die Unternehmen für eine Reihe von Maßnahmen ausgesprochen, die die Politik schnell in Angriff nehmen sollte. Die Top- Forderungen der Wirtschaft sind: Netzausbau beschleunigen, Stromkosten senken sowie die Koordination der Energiewende verbessern.
  1. Netzausbau beschleunigen
    Die Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien betrifft nicht allein die Erzeugung, sondern erfordert eine Umstellung des Gesamtsystems – der Netzinfrastruktur, der Netzsteuerung, der Speicherung und auch der Nachfrage. Die dringendste Herausforderung liegt in der Anpassung der Netzinfrastruktur. Diese kommt zu langsam voran. Das ist seit Jahren der mit Abstand größte Sorgenfaktor für die Unternehmen in Deutschland und an der Saar. Jeweils 79 Prozent fordern deshalb hier mehr Tempo. In der Industrie sind es sogar 83 Prozent der Betriebe (Saar-Industrie: 93 Prozent).

    Ein schnellerer Netzausbau erfordert auch schnelle Planungs- und Genehmigungsverfahren. Für 70 Prozent der Unternehmen besteht hier dringender Handlungsbedarf (Saarland 75 Prozent). Auch in diesem Punkt liegen die Forderungen der Industrie über den Durchschnitt. Bundesweit fordern 74 Prozent der Industriebetriebe Verfahrensbeschleunigungen. Im Saarland sogar 80 Prozent.

  2. Stromkosten senken
    Weit oben auf der Agenda der Wirtschaft steht eine Entlastung bei den Stromkosten. Die Strompreise steigen kontinuierlich und bei den Netzentgelten stehen ebenfalls weitere Preissteigerungen ins Haus. Auch wird die EEG-Umlage absehbar auf hohem Niveau verbleiben. 57 Prozent der Unternehmen in Deutschland plädieren daher für eine Senkung der Steuern und Abgaben auf Strom. Im Saarland sind es mit gut 64 Prozent nahezu zwei Drittel. Besonders stark ist die Betroffenheit in der Industrie. Hier wünschten sich bundesweit und an der Saar 67 Prozent der Unternehmen zügige Erleichterungen.

    Einen Beitrag zu günstigen Strom- und Gaspreisen leistet ein intensiver Wettbewerb. 48 Prozent der Unternehmen im Bund (Saarland: 49 Prozent) empfiehlt hier eine Stärkung. In der Industrie sind es 50 bzw. 60 Prozent. Zudem plädieren 35 Prozent der Betriebe dafür, Fördertatbestände und Sonderregelungen regelmäßig auf ihre Notwendigkeit hin zu prüfen und ggf. anzupassen. Im Saarland sind es sogar 52 Prozent, was nicht verwundert, da die landeseigene Förderung bislang hinter der anderer Bundesländer zurückbleibt.

  3. Koordination der Energiewende verbessern
    Viele Ziele und Maßnahmen der Energiewende und des Klimaschutzes stehen nach wie vor unkoordiniert nebeneinander. So möchte die Bundesregierung einerseits den CO2-Ausstoß im Verkehrs- und Wärmebereich durch eine stärkere Elektrifizierung senken, andererseits soll aber der Bruttostromverbrauch bis 2050 um 25 Prozent zurückgehen. Solche Diskrepanzen sehen 57 Prozent der Unternehmen im Bund und 72 Prozent der Saar-Unternehmen als Problem und fordern eine bessere Koordination. Mit dem geplanten neuen nationalen CO2-Emissionshandel stünde dafür ein sektorübergreifend wirksames Instrument zur Verfügung. Es könnte die Vielzahl nicht untereinander koordinierter Klimaschutzinstrumente ersetzen. Dies aber nur, wenn es zeitnah und vor allem ohne systemwidrige Elemente wie die geplanten Festpreise eingeführt wird.

Als Fazit lässt sich erneut festhalten, dass die Wirtschaft von der Politik für die kommenden Jahre vor allem keine neuen oder steigenden, sondern den Abbau der bestehenden Belastungen erwartet. Denn die Folgekosten der Energiewende bekommen insbesondere solche Unternehmen stark zu spüren, deren Produkte und Dienstleistungen energieintensiv sind und im harten globalen Wettbewerb stehen. Energieintensive Branchen weisen in den letzten Jahren eine besonders schwache Investitionsentwicklung auf: Seit 2001 liegt die Summe der Abschreibungen über den Investitionen in neue Anlagen. Man lebt von der Substanz und verzehrt diese, ohne sie zu erneuern. Diese, für die Wertschöpfungsketten in Deutschland so wichtigen Branchen, sind auf Entlastungen beim Energie- und Strombezug angewiesen. Dies gilt umso mehr, da sie ansonsten den Strukturwandel nicht meistern können.




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