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 Motiv: © Monkey Business - Fotolia.com

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01.12.2012

Mehr Ingenieure ausbilden!

Standpunkt
von Volker Giersch


Unsere Industrie punktet auf den Weltmärkten – und das bereits seit vielen Jahrzehnten. Garant dafür ist die deutsche Ingenieurkunst. Zahlreiche deutsche Unternehmen zählen in ihren Marktsegmenten zu den Technologieführern – im Maschinenbau etwa, in der Automatisierungstechnik, im Fahrzeugbau und in der Stahlindustrie. Neben großen Unternehmen sind in wachsender Zahl auch „hidden champions“ vorne mit dabei. Diese Spitzenstellung gilt es in Zukunft zu verteidigen. Doch das kann nur gelingen, wenn qualifizierte Ingenieure weiterhin in ausreichender Zahl verfügbar sind.

Und genau hier liegt das Problem: Uns droht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine wachstumshemmende Ingenieurlücke. Es sei denn, wir steuern im Bereich der Hochschulen rasch und energisch gegen. Die Fakten:
  • Ingenieure sind bereits heute knapp – deutschlandweit und insbesondere auch im Saarland. So gab in einer gemeinsamen Umfrage von IHK und VSU im vergangenen Jahr rund die Hälfte der Unternehmen an, dass sie große oder sehr große Schwierigkeiten hat, Ingenieure mit Hochschulabschluss zu finden. Betroffen sind vor allem auch die kleinen und mittleren Unternehmen, die auf dem Arbeitsmarkt im Nachteil gegenüber großen Unternehmen mit klangvollen Namen sind.
  • In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach Ingenieuren weiter steigen. Deshalb schon, weil rund die Hälfte aller in der Industrie beschäftigten Ingenieure bis 2030 altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden wird und der Ersatzbedarf der Unternehmen entsprechend groß ist. Verschärfend kommt hinzu, dass viele Industriebetriebe in den nächsten Jahren zusätzliche Stellen für Ingenieure schaffen wollen. Sie halten dies für notwendig, um ihre Innovationskraft weiter zu stärken und ihre Position auf den Weltmärkten dadurch zu festigen.
  • Die Industrie benötigt gleichermaßen Uni-Absolventen mit entsprechend starker grundlagenorientierter Ausbildung wie Fachhochschulabsolventen mit stärkerer Anwendungsorientierung. Derzeit kommen auf einen Uni-Absolventen in der Saar-Industrie etwa zwei Fachhochschulabsolventen. Diese Relation wird sich nach Angaben der Unternehmen leicht zugunsten der Uni-Absolventen verschieben. Entsprechend wichtig ist es, das ohnedies zu kleine Studienplatzangebot an der Saar-Uni deutlich auszuweiten. 
  • Nachgefragt werden seitens der Saar-Industrie insbesondere Ingenieure in den Bereichen Maschinenbau, Produktions- und Verfahrenstechnik, Elektrotechnik und Mechatronik. Auf diese Schwerpunkte entfallen rund 50 Prozent der Nennungen.
Hoffnung macht, dass sich die Landesregierung in ihrer Hochschulpolitik an diesen Fakten orientieren will. Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer und Wirtschaftsminister Maas haben wiederholt erklärt, dass die Ingenieurwissenschaften an Saar-Uni und HTW weiter gestärkt werden sollen. Und das trägt bereits erste Früchte: So hat die Uni ihre Planungen inzwischen wohl revidiert, in der Mechatronik überproportionale Kürzungen vorzunehmen. Mit Blick auf den steigenden Ingenieurbedarf der Saarwirtschaft wäre das auch ein gefährlicher Irrweg gewesen.

Für eine Stärkung der Ingenieurwissenschaften spricht auch, dass dieser Bereich an der Saar-Uni besonders forschungsstark ist. Die dort tätigen Wissenschaftler werben pro Kopf gerechnet mehr Forschungsmittel ein als jene anderer Fakultäten und auch mehr als ihre Ingenieur-Kollegen an anderen Hochschulen. Gemessen an den eingeworbenen Forschungsgeldern liegen sie im Reigen der deutschen Hochschulen weit vorne – auf Rang 2. Das bedeutet: Ein beträchtlicher Teil der Mitarbeiter wird dort über Drittmittel finanziert. Die regionalwirtschaftlichen Effekte sind entsprechend groß. Auch bei den Studierenden finden die ingenieurwissenschaftlichen Angebote der Uni eine wachsende Akzeptanz. Die Zahl der Studienanfänger steigt deutlich an.

Hochschulentwicklung langfristig planen

Angesichts dieser Fakten ist die Stärkung der Ingenieurwissenschaften an Uni und HTW ein „Muss“. Die Verfügbarkeit von qualifizierten Ingenieuren ist neben der Energiepolitik der wohl wichtigste Ansatzpunkt, den Industriestandort Saarland attraktiv zu halten. Und bei der Entwicklung der Hochschulen können wir die Weichen – anders als in der Energiepolitik – weitgehend selbst stellen.

Eingewendet wird des Öfteren, dass ein Studium in den Ingenieurwissenschaften – insbesondere an den Universitäten – relativ teuer ist. Das trifft aber nur bedingt zu. Zwar ist richtig, dass ein Ingenieurstudium die Uni mehr kostet als ein Studium in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Richtig ist aber auch, dass die Ausbildung von Medizinern rund viermal so teuer ist wie die Ingenieurausbildung. Und ganz nebenbei: Mediziner bilden wir im Saarland dreifach über unseren Bedarf aus. Bei Ingenieuren liegt die Zahl der Absolventen dagegen weit unter Bedarf.

Keine Frage: Wir werden uns angesichts der Haushaltsnotlage vieles nicht leisten können, was wünschenswert ist. Doch mehr als heute ist möglich, wenn vorhandene Synergien konsequent genutzt werden und wenn wir in der Hochschulentwicklung klare Prioritäten setzen. Wir brauchen deshalb mehr denn je eine langfristig angelegte Entwicklungsplanung für die Hochschulen, die sich auf angemessene Weise an den strukturpolitischen Zielen des Landes orientiert. In diese Planung einzubeziehen ist auch die vollständig über Studiengebühren finanzierte ASW – Berufsakademie Saarland e. V.

Mit Blick auf die Ingenieurwissenschaften gehört folgendes auf die Agenda:

Engere Kooperation zwischen Uni und HTW: Die konsequente Nutzung der Synergien ist Pflicht für ein Land mit knappen Ressourcen. Denn über eine engere Kooperation lassen sich positive Effekte erzielen, ohne dass Mehrkosten anfallen. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat den Spielraum hierzu nochmals erweitert. Möglich und wünschenswert sind insbesondere eine arbeitsteilige Abstimmung der Studienangebote, eine höhere Durchlässigkeit zwischen den Hochschulen, ein gemeinsames Marketing oder gar die Entwicklung gemeinsamer Studiengänge. Als gemeinsame Forschungseinrichtung von Uni und HTW kann das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZEMA) hier die Funktion eines Treibers übernehmen. Das wird aber nicht genügen: Druck seitens der Politik wird hinzukommen müssen.

Mehr berufsbegleitende Masterstudiengänge: Die Saar-Hochschulen sollten künftig zusätzliche berufsbegleitende Masterstudiengänge anbieten, um Bachelor-Ingenieure, die bereits in der Saarwirtschaft tätig sind und einen höheren Abschluss anstreben, im Land zu halten. Auch Bachelor-Absolventen der ASW hätten dann die Chance, ihr berufsbegleitendes Studium im Saarland fortzuführen. Um hier rasch voran zu kommen, unterstützt unsere IHK die Entwicklung und Akkreditierung eines berufsbegleitenden Studiengangs „automotive“ an der HTW, der im Wintersemester 2013 starten soll. Die HTW selbst ist gefordert, intern Ressourcen umzuschichten. Einsparungen sind da möglich, wo es konkurrierende Angebote zur ASW gibt – beim berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang Betriebswirtschaft etwa.

Maschinenbau-Master an Saar-Uni ausbilden: Die Universität sollte zusätzlich zu Masterstudiengang Mechatronik auch einen Master im Maschinenbau anbieten. Das würde nicht nur dem Bedarf unserer Wirtschaft entsprechen, sondern zugleich auch die Ingenieurausbildung an der Saar-Uni bundesweit besser sichtbar machen.

Abbrecherquoten reduzieren: Die Zahl der Hochschulabsolventen lässt sich deutlich vergrößern, wenn es gelingt, die nach wie vor sehr hohen Abbrecherquoten nachhaltig zu reduzieren. Das erfordert insbesondere zusätzliche Anstrengungen, die Qualität der Lehre weiterhin zu verbessern.

Kooperative Studiengänge ausbauen: Attraktive Ingenieurstudiengänge bieten eine ausgezeichnete Chance, kluge Köpfe von außen ins Land zu holen. Damit sie nach ihrem Studium im Land bleiben, gilt es, möglichst viele von ihnen frühzeitig an das Saarland und seine Wirtschaft zu binden. Kooperative Studiengänge bieten hierzu eine vorzügliche Chance. Sie ermöglichen Einblicke in die betriebliche Praxis und schaffen frühzeitig Bindungen zu heimischen Unternehmen. Das erzeugt „Klebeeffekte“.

Synergien mit der TU Kaiserslautern nutzen: Wünschenswert wäre überdies eine stärkere Zusammenarbeit zwischen der Saar-Uni und der TU Kaiserslautern. Dabei sollte auch ausgelotet werden, was beide Hochschulen im Bereich der Weiterbildung anbieten können.

Promotionsmöglichkeiten für HTW-Studenten verbessern: Künftigen HTW-Studenten sollte generell eine Möglichkeit zur Promotion in Aussicht gestellt werden. Dazu gilt es, klare Kriterien für die Eignung von HTW-Absolventen für eine kooperative Promotion an der Uni festzulegen. Die HTW-Studiengänge würden so zusätzlich an Attraktivität gewinnen.

Saarwirtschaft engagiert sich

Die Organisationen der Wirtschaft fordern nicht nur. Sie engagieren sich zugleich auch selbst. So stellt der Verband der Metall- und Elektroindustrie zur Finanzierung von je zwei Stiftungsprofessuren an Uni und HTW zwei Millionen Euro zur Verfügung, unsere IHK 500.000 Euro. Dies mit dem erklärten Ziel, die Mechatronik-Studiengänge an beiden Hochschulen zu stärken. Die Mittel können abfließen, sobald sichergestellt ist, dass dieses Ziel dauerhaft erreicht wird.

Überdies haben IHK und ME Saar wiederholt angeboten, die Hochschulen beim Marketing für ihre Ingenieurstudiengänge zu unterstützen. Forciertes Marketing ist dabei nicht nur im Land selbst nötig – in den Schulen etwa – sondern auch in Richtung andere Bundesländer. Internet und Social Media bieten hierzu gute Chancen zu vertretbaren Kosten. Das wirksamste Marketing ist allerdings ein gutes Abschneiden in den bundesweiten Rankings. Dazu müssen dann aber die Hochschulen bei der Attraktivität der Angebote weiter zulegen – ein Ziel, das wir trotz aller Sparzwänge erreichen müssen.

Politik, Wirtschaftsorganisationen und Gewerkschaften sind sich darin einig, dass das Saarland auch künftig ein leistungsstarkes Industrieland bleiben soll. Eine nachhaltige Stärkung der Ingenieurwissenschaften ist eine der Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.