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 Motiv: © CandyBox Images - Fotolia.com

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06.12.2019

Studium und höhere Berufsausbildung: Gleichwertig, aber nicht gleichartig

Im Blickpunkt
Von Dr. Heino Klingen


Wenn eine von drei Lehrstellen nicht besetzt werden kann, dann ist etwas faul im Staate Dänemark. Es muss zwar nicht so dramatisch enden wie in Shakespeares „Hamlet“. Doch besorgniserregend ist er schon, der Trend auf dem Ausbildungsmarkt. Denn von Jahr zu Jahr können immer mehr Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. So blieben im vergangenen Jahr bundesweit knapp 58.000 Azubistellen frei. Das waren rund dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Noch krasser ist der Bewerbermangel bei uns im Saarland. Hier hat sich die Zahl der unbesetzten Lehrstellen seit 2014 sogar verfünffacht.

Das zeigt, es gibt überall eine große Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften, die aber nur teilweise befriedigt werden kann. Neben Unternehmen sind davon auch die öffentliche Verwaltung sowie Pflege- und Gesundheitseinrichtungen betroffen. Die Folgen des Mangels reichen von Mehrarbeit über Leistungseinschränkungen bis hin zu Betriebsaufgaben.

Getrieben wird diese Entwicklung von der Demografie mit von Jahr zu Jahr sinkenden Schulabgängern und der ungebrochenen Studierneigung der Jugendlichen. Sechs von zehn Schulabsolventen beginnen heute ein Studium. Vor zehn Jahren war es nur jeder vierte und Mitte der 60er Jahre, als Georg Picht die zu geringe Quote an Abiturienten in Deutschland anprangerte und eine „Bildungskatastrophe“ prophezeite, nahm nicht einmal jeder zehnte Schulabgänger ein akademisches Studium auf.

Damals hat die Politik reagiert und für Durchlässigkeit im Bildungswesen gesorgt. Das war gut so. Die Ausdifferenzierung der Arbeitswelt und steigende Anforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten verlangten höhere Studierquoten. Bemerkenswerterweise ging mit der Akademisierung aber auch eine Verberuflichung vieler Studiengänge einher, wie umgekehrt nicht wenige Berufsausbildungen akademisiert wurden. Aktuellstes Beispiel für Letzteres ist die Hebammen-Ausbildung.

Damit stellte sich aber auch das Problem der Bewertung und Einordnung der zahlreichen Abschlüsse unterschiedlichster Art. Eine Antwort hierauf gibt der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), auf den sich der Bund und die Länder 2013 verständigten, um Transparenz in das vielgliedrige deutsche Bildungssystem zu bringen.

Der DQR ordnet den erworbenen Bildungsabschlüssen und beruflichen Qualifikationen bestimmte Niveaus zu, insgesamt acht an der Zahl. Dadurch werden die unterschiedlichsten Abschlüsse vergleichbar gemacht. So rangieren beispielsweise derart differente Abschlüsse wie Bachelor, Industriemeister oder Bilanzbuchhalter allesamt auf dem DQR-Niveau sechs. Dahinter steht die Bezugnahme auf ein gemeinsames Drittes – wie erforderliche Kompetenzen, Grad an Selbständigkeit oder Umgang mit Komplexitäten. Das erlaubt, das Ungleichartige gleichwertig zu machen. Was so „technisch“ daherkommt, ist von höchster gesellschaftlicher Relevanz. Denn letztlich beschreibt der DQR damit ein äußerst modernes und wichtiges bildungspolitisches Anliegen: die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung.

Die Chance „Bachelor-Professional“ und „Master Professional“ nutzen

Doch leider ist diese Botschaft noch immer nicht überall angekommen. Über Bildung wird weiterhin in alter schwarz-weiß Manier gesprochen: Uni oder Lehre. Und immer mit dem Unterton, was wirklich erstrebenswert ist. Von Durchlässigkeit des Bildungssystems oder gar Gleichwertigkeit meist keine Spur. Das gilt für Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen und sie deshalb zum Studium drängen. Das gilt für den Staat, der bestimmte Laufbahnen ohne entsprechende akademische Weihen ausschließt. Und das gilt vor allem für die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz, die sich dem Ansinnen des Bundesbildungsministeriums widersetzen, für klar definierte Weiterbildungsabschlüsse die Bezeichnungen „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ einzuführen. Wer dahinter akademischen Dünkel vermutet, dürfte nicht ganz falsch liegen. Denn die kritisierte Verwechslungsgefahr der Abschlüsse ist schon durch den Zusatz „Professional“ nicht gegeben.

Anfang des kommenden Jahres soll ein „Berufsbildungsmodernisierungsgesetz“ in Kraft treten, das diese neuen Titel vorsieht. Kommt es so, wäre das eine große Chance für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Denn mit den neuen Markenbegriffen erhielte sie die Anerkennung, die ihr in unserer Gesellschaft längst zusteht. Mehr junge Menschen ließen sich dann für einen Karriereweg im Beruf begeistern. Und so mancher Studienanfänger dürfte direkt eine berufliche Ausbildung anstreben und entginge so womöglich der bitteren Erfahrung, dass ein Hochschulstudium nichts für ihn ist. Ihm wäre damit genauso geholfen wie den Unternehmen, deren Nachwuchssorgen ein stückweit kleiner werden dürften.